EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

anfang dieses Jahres verstarb der Heilpraktiker Werner Peper D.C. im gesegneten Alter von 83 Jahren. Er ließ sich nach seiner Rückkehr 1933 von der »Palmer School of Chiropractic« als erster Chiropraktor in Harnburg nieder, ein Pionier in dieser Disziplin, dem für die Chiropraktik im Nachkriegsdeutschland eine Schlüsselrolle zukommt. Zu einer Zeit, als die Chiropraktik von der Schulmedizin offiziell als Scharlatanerie eingestuft wurde, hielt Peper auch einen Kursus für Ärzte. Daß diese Gemeinsamkeit nicht lange dauern sollte, war vorauszusehen, machte doch auch diese Therapie die typische Karriere, die schon manche »Außenseitermethode« hinter sich hatte: zunächst Verteufelung, dann unter dem Druck der Millionen Patienbedürfnisse das »Interesse« daran und sozusagen synchron damit der Schlachtruf, daß diese Therapie in die Hand des Arztes gehöre.

Da das aufgrund der Tatsache, daß es in Deutschland einen zweiten freien Heilberuf gab und gibt nicht zu verwirklichen war, setzte man sich ärztlicherseits ab und »begründete« die heute allgemein anerkannte Chirotherapie oder Manuelle Therapie.

Die Chiropraktik wird weiterhin erfolgreich von einer ganz beträchtlichen Zahl von Heilpraktikern ausgeübt, die im Bereich der Aus- und Fortbildung ganz besonders starke Aktivitäten entwickeln und nach strengen Kriterien arbeiten.

Die im angelsächsischen Raum weit verbreitete Osteopathie treibt nun auch bei uns in Deutschland erste zarte Blüten, meist vergesellschaftet mit der Chiropraktik. Der Denkansatz ist aus einer ganz einfachen natürlichen Tatsache heraus ganzheitlich, weil sich diese Therapien mit Funktionen befassen, also Zusammenhängen und Abhängigkeiten. Ein Gelenk z. B. wird erst sinnvoll durch seine Funktion. Betrachtet man es statisch als Organ, erfaßt man seinen Sinn nicht. Erst in der Bewegung des Lebens, im Zusammenspiel mit Sehnen, Bändern, Muskeln und Nerven erschließt sich das Gelenk, in der Verschiebung macht die Synovia einen Sinn, im Abgleiten die Knorpelschicht und erst in der Bewegung die Struktur von Knorpeln. Alles strukturbildnerische Maßnahmen aus der Funktion lebendiger Bewegung heraus.

Der Ganzheitsaspekt ergibt sich schließlich auch noch aus der Tatsache, daß es sich hier um strukturiertes Bindegewebe, um aus dem weichen Bindegewebe, dem Sitz der Grundregulation unseres Lebens, sinnvoll nach funktionellen Bedürfnissen herausstrukturiertes Gewebe handelt, das seine Verwandtschaft zu den Grundbedingungen des Lebens nicht leugnen kann.

Und es ist erstaunlich, was aus diesem Ansatz heraus alles an therapeutischer Beeinflussung des Ganzen möglich ist. Osteopathie und Chiropraktik – beides Heilmethoden, die in ihrem ganzheitlichen Ansatz besonders segensreich erscheinen und die in ihrem Vortasten zum Ganzheitsaspekt sicher noch interessante Entwicklungsmöglichkeiten in sich bergen.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 06/1994