EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

das Echo war erstaunlich sowohl im Umfang als auch in der Verteilung von Zustimmung und eher kritischer Kommentierung. Als langjähriger Schreiber von regelmäßig einmal im Monat erscheinenden Editorials in unserer NATURHEILPRAXIS wünscht man sich nichts sehnlicher, als ein möglichst großes Echo auf das, was man verfasst. Das zeigt nicht nur, daß man gelesen wird, sondern auch, daß man thematisch etwas getroffen hat, was auf Interesse stößt, eigene Gedanken trifft und anregt, mit- oder weiterzudenken.

Das Thema des letzten Editorials scheint diese Kriterien in besonderer Weise erfüllt zu haben, denn es hat fast das ausgelöst, was man so gern mit der berühmten »Flut von Reaktionen« bezeichnet: Es ging um die Einigkeit und Gemeinsamkeit, nein, nicht der deutschen Heilpraktiker, das wäre zu einfach, sondern um die der Heilpraktikerverbände. Mein Postulat, die Blöcke Kooperation und Arbeitsgemeinschaft zu relativieren und im Idealfall aufzulösen, um eine nach außen gemeinsame Vertretung des Berufsstandes zu etablieren, etwa unter dem Briefkopf »DIE DEUTSCHEN HEILPRAKTIKERVERBÄNDE«, hat eine überwältigende Zustimmung in den Briefen erfahren. Dieser Wunsch schien bei fast allen vorrangig zu sein.

Hier und da, allerdings bei wenigen, mischte sich die Sorge ein, daß dann evtl. das Image des eigenen Verbands mit seinem doch »so besonderen Profil und Verdienst und auch als besonders großem und bedeutendem« in dem allgemeinem Topf aller Verbände nicht mehr so herausragen würde, wie bisher. Dafür muß man Verständnis haben.

Aber dem wäre zu begegnen, daß man in der Gemeinschaft der Verbände die einmalige Chance hätte, die anderen Verbände im friedlichen Wettbewerb von besseren berufspolitischen Lösungen zu überzeugen, statt sie, wie das jetzt noch so oft der Fall ist, nicht nur in Gegenpositionen sondern sogar in Gegnerschaften zu drängen.

Wenn jeder aus seinem Verband das Beste in die Gemeinsamkeit einspeisen und man die Ergebnisse gemeinsam in der politischen Öffentlichkeit vertreten würde, wäre das sicher die effektivste Lösung, da »mit einer Stimme sprechen« auch einen Effektivitätsschub in Glaubwürdigkeit beim politischen Ansprechpartner an sich mit sich brächte, wo durch unterschiedliche Berufstandsvertreter, die jeweils behaupten, für die Mehrheit zu sprechen, und noch dazu Gegenteiliges vorbringen, die Chance, für voll genommen zu werden, ohnehin recht gering ist. Da beißt die Maus keinen Faden davon ab: Für die Gemeinsamkeit der Verbände, zumindest in der Vertretung nach außen, gibt es überhaupt keine Alternative. Felder für den friedlichen Wettstreit unter den einzelnen Verbänden blieben genug und zwar da, wo es obendrein noch fruchtbar ist: Wer bietet die bessere und interessantere Fachfortbildung und Ausbildung an? Wer macht die beste Mitgliederbetreuung? Wer hilft am besten bei Schwierigkeiten und Problemen der einzelnen Mitglieder u.ä. Hier gibt es ein weites Feld für die Profilierungen von Verbänden. Da hätten sie alle Hände voll zu tun. Des Streits in der Öffentlichkeitsvertretung bedarf es nicht.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 08/1994