EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

ein mißverstandenes »Machet Euch die Erde untertan« hat ohnehin schon dazu geführt, daß alles, was technisch machbar ist, auch gemacht wird. Wer hinterfragt und bewertet, wer über die Bedeutung unseres Handelns für unsere mit den Gesamtzusammenhängen der Natur vernetzte Existenz nachdenkt, wird heute allgemein als Sektierer, bestenfalls als liebenswert rückwärts gerichteter Sozialromantiker eingestuft.

Wer meint, die Naturheilkunde hätte zu dem High-Tech-Problem der Organtransplantation, und vor allen Dingen dem damit verbundenen Spenderproblem, nicht zu sagen, irrt. Daß die Organtransplantation nicht so sehr viel mit der Zelltherapie zu tun hat und schon gar nichts mit der Vorstellung einiger Naturvölker, daß, wenn man das Herz des Feindes verzehrt, sich dessen Kraft einverlebt, versteht sich.

Wie ein Mensch nach einer Beinamputation eine möglichst gutgefertigte Prothese wünscht, macht sein Lebens- oder Überlebenswille verständlich, daß er in einer ansonsten für ihn ausweglosen Situation ebenso gern eine lebendige Prothese eines Mitbürgers, der sie nicht mehr benötigt, akzeptiert. Wenn zwei Menschen dieses in Selbstbestimmung tun, und es technisch machbar ist, dürfte dagegen auch ethisch nichts einzuwenden sein.

Wie oft wünscht sich eine Mutter im Verlustschmerz ihres Kindes, alles zu geben, auch das eigene Leben, um dem Kind das Leben zurückzuschenken. Das ist nicht nur kreatürlich, sondern auch im umfassenderen Sinne natürlich. Es scheint aber ebenso natürlich zu sein, die Selbstbestimmung der einzelnen Personen, auch und vor allen Dingen des Organspenders, nicht außer acht zu lassen. Nun sind zwar alle Erscheinungsformen Teil der Natur und miteinander vernetzt, aber unsere Gesamtzusammenhänge sind keine Vernetzung von Herzen, Nieren, Lebern, sondern unsere Natur hat für ihr harmonisches Zusammenspiel ganz andere Einheiten herausgebildet, die, auch wenn sie im thermodynamischen Sinne offene Systeme sind, jeweils in sich ein geschlossenes Ganzes bilden, dem man im Falle des Menschen eine Unverletzlichkeit und Integrität der Person zugesteht – und zu Recht. Von diesen Tatsachen her dürfte die Selbstbestimmung des Menschen, wohl die einzige Rechtfertigung sein, das »Tabu« der Unverletzlichkeit der Person zu durchbrechen.

Hier die Spielregeln der Marktwirtschaft von Angebot und Nachfrage zum Gesetz des Handelns zu erheben, scheint fragwürdig, auch wenn das vielleicht die High-Tech-Dienstleistungserbringer so sehen. Eine neue Bestattungsform? Statt die Asche in alle Winde zu verstreuen, Organversand in alle Richtungen? Bei allem Respekt müssen hier grundsätzliche Fragen gestellt werden. Wird vielleicht mit der technischen Machbarkeit ein wenig auch der Suggestion einer Teilunsterblichkeit Vorschub geleistet? Haben wir das Schicksal ganz aus unserem Leben ausgeschlossen? Nehmen wir uns zu wichtig? Treiben wir es nicht auf Kosten der dritten und vierten Welt, wo die Menschen wie die Fliegen sterben, ein wenig zu weit; wenn wir überlegen, jeden Menschen zum Ausschlachten freizugeben, der sich nicht ausdrücklich schriftlich dagegen verwahrt? Korrumpiert eine Fremdbestimmung die Organspende nicht evtl. bis hin zum Organhandel und einer möglichen Kriminalisierung? – Statt »machet Euch die Erde untertan« letztendlich doch wieder »machet Euch die Mitmenschen untertan«?

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 09/1994