EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

von Zeit zu Zeit muß der Stand der Dinge immer einmal grundsätzlich überprüft werden. Das letzte Mal haben wir in Deutschland die Grundstrukturen 1949 mit dem Grundgesetz neu definiert. Vorbild waren die Demokratien der Siegermächte, aber auch, der Neuaufbauphase gemäß, das Wertebild von einem Arbeits- und Pflichtmenschen.

Die Wandlung dieses Wertebildes mit vorrangigen Optionen auf Selbstverwirklichung und Lebensgenuß hat über Freizeit- und Medienkonsum nicht nur die Berufswelt erreicht, sondern auch den Gesundheitsbereich. Gesundheit nicht mehr als Krankheitsreparatur, sondern als Lebens- und Genußqualität.

Natürlich sind unsere Medizin- und  Sozialsysteme strukturell darauf nicht sonderlich gut vorbereitet. Es geht in Zukunft um eine möglichst vollwertige Verlängerung der Lebensjahre, wo länger leben nicht mehr nur heißt, länger krank zu sein, sondern seine Lebenslust und Genußfähigkeit zu erhalten und womöglich zu steigern.

Weg also von der kassengestützten, kleinlichen, sekundären und tertiären Vorsorge zu einer lebenslangen primären Prävention in einer möglichst umweltfreundlichen  Menschenwelt. Unser System allerdings gibt nach wie vor einer kurativen Medizin den Vorrang. Die am naturwissenschaftlichen Dogma ausgerichteten Werteprinzipien des Sozial- und Arztrechts, der Krankenkassen und öffentlichen Verwaltungen orientieren sich nach wie vor an körperlichen Erkrankungen, Behinderungen und Alterungen.

Der Wertewandel wird deutlich machen, daß der Kranke, Behinderte, Alte nicht nur Körper ist, sondern eine Ganzheit, die Lebensqualität und Sinnerfüllung als gesamtsoziales Wesen erwartet.

Der Strukturkonservatismus unserer Sozialsysteme wird diese Entwicklung nicht aufhalten. Die dennoch explodierenden alternativen »Medizinen« zeigen deutlich, wohin die Reise geht. Die Naturheilkunde und ihre Therapeuten, die Heilpraktiker, sind für diese Reise aus dem Verständnis ihrer selbst bestens gerüstet. Sie haben stets versucht, den Gesundheitssuchenden und Krankheitsbetroffenen zu mehr Natürlichkeit zu verhelfen, damit diese sich und ihr Schicksal in einem Gesamtkontext begreifen und danach zufrieden und ausgesöhnt handeln können.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 10/1994