EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

die Bevölkerung auf dieser Welt beträgt jetzt 5,66 Milliarden und wird sich in ca. 50 Jahren verdoppelt haben. Daß man dieses Bevölkerungswachstum als Problem bezeichnet, ist allgemein akzeptiert. Dabei steckt dahinter eine etwas ungenaue Begrifflichkeit. Das Wachstum an sich ist eine Tatsache, ein Phänomen der Natur oder zumindest eines das die Natur zuläßt. Allerdings kann dieses für uns zu einem Problem werden und zwar dadurch, wie wir mit diesem Naturphänomen umgehen.

Das beginnt damit, daß wir in den Industrieländern statistisch lediglich ein Wachstum von 0,4% jährlich haben, während Afrika sich in 25 Jahren verdoppelt. Also meinen wir, das Wachstum sei ein Problem der anderen, mit dem wir außer im karitativen Bereich wenig zu tun hätten. Die automatische Verknüpfung der Begriffe in unseren Hirnen von zuviel Bevölkerung mit Armut und Hilfsbedürftigkeit blockiert eine angemessene Analyse der Zusammenhänge, die Erkenntnisse und kreatives Handeln zur evtl. Problemlösung fördern könnte. Wir verdrängen z.B., daß wir in den Industrieländern ein ganz ähnlich stürmisches Bevölkerungswachstum haben wie Afrika, was die Zunahme der Menschen anbelangt, deren gutes Recht es ist, zu leben und unterhalten zu werden, auch wenn sie nicht mehr in den aktiven Produktionsprozeß integriert sind: unsere Älteren und Alten, Hilfsbedürftigen und Kranken, nicht zuletzt unsere Arbeitslosen. Solange das Verhältnis dieses Bevölkerungsanteils gegenüber den »Arbeitenden« 1:10, 1:6 oder 1:5 war, konnte man mit den jetzt gültigen Verteilungs- und Sozialsystemen zufriedenstellende Regelungen anbieten. Aber wir werden immer älter, und die chronischen Krankheiten steigen weiter. Das Verhältnis bewegt sich ähnlich schnell wie die Verdoppelung der afrikanischen Bevölkerung auf 1:1 zu.

Eine Lösung durch strukturelle Veränderungen der Systeme »von oben« durch die Politik wird nicht ausreichen, weder weltweit noch intern im eigenen Land. Statt des gesetzlich verbrieften Generationenvertrags unseres Sozialsystems wird es eines echten Konsenses der Generationen bedürfen, eines Konsenses mit der Hilfsbedürftigkeit.

Die Schere zwischen unserem Anspruchsdenken und dessen Realisierungsmöglichkeit öffnet sich immer weiter. Wir haben diesbezüglich den Zenith längst überschritten, tragisch, daß wir es nicht zu bemerken scheinen, ein Tanz auf dem Vulkan. Wir müssen unser Glück woanders suchen, als im Verbrauch materieller Güter. Wir müssen wirklich teilen lernen. Das Problem ist nicht das Wachstum derer, die Hilfe bedürfen im Innern und außen, das Problem ist zweifellos der falsche Umgang damit.

Und wir sind schließlich nicht eine Fachzeitschrift für Naturheilkunde, um in diesem Zusammenhang nicht daran zu erinnern, daß die Naturheilkunde als lebensbegleitendes, lebensidentisches Phänomen auf drängende Fragen Antworten hat, beinhaltet sie doch den Respekt vor natürlichen Abläufen als eine ihrer vorrangigsten Prinzipien, den Respekt vor der Gesamtpersönlichkeit jedes Menschen und seinem Eingebettetsein in die Gesamtzusammenhänge.

Heilung und Regelung menschlichen Lebens muß aus dem Respekt dieser Tatsachen heraus geschehen. Wir müssen mit unserem Umdenken unseren Regierenden Mut machen, uns gemäße Strukturen für die Zukunft auf den Weg zu schicken. Gegen uns können sie es nicht.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 11/1994