EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

in diesem zu Ende gehenden Jahr 1994, dem Jahr 18 nach dem AMG 76, hat eine Diskussion von sich reden gemacht, die die Frage nach der Phytotherapie als »Besonderer Therapierichtung« divergent abhandelt. Meinungen wurden geäußert und Gutachten erstellt, die meinten, daß die Phytotherapie fortan keine Berechtigung mehr haben soll, als eine der drei im AMG 76 in weiser Voraussicht etablierten »Besonderen Therapierichtungen« Homöopathie, Anthroposophie und Phytotherapie zu gelten.

Schuld daran ist sicher die in den letzten 18 Jahren gewaltig vorangeschrittene Möglichkeit der wissenschaftlichstofflichen Analytik pflanzlicher Inhaltsstoffe. Dieser Fortschritt scheint die wissenschaftliche Pharmakologie wohl derart euphorisch gemacht zu haben, daß sie die Zielvorstellung endgültiger Aufklärung über das biologische Phänomen der Pflanzen und ihre Reduktion auf stoffliche Analytik vor Augen glaubt, im Vorgriff darauf mit einem wissenschaftlich-dogmatischen Anspruch in die geltenden Regelungen des Arzneimittelgesetzes und besonders in deren Auslegung und Anwendung im Bereich von Zulassung und Nachzulassung bevormundend einzugreifen.

Man vergißt dabei natürlich, daß Phytotherapie nicht nur ein Begriff für einen spezifischen Arzneistoff, sondern ebenso für eine therapeutische Methode darstellt.

Warum will man die Phytotherapie auf experimentell erfaßbare pharmakologische Wirkungen einengen und sich darüber hinaus der ausgleichenden regulierenden Effekte und Wirksamkeit auf z. B. Organsysteme begeben, wie wir sie seit Jahrhunderten in der Literatur berichtet und seit Jahrzehnten empirisch in unseren Praxen bestätigt finden?

Der ehemalige Vorsitzende der Kommission E (Phytotherapie) hat es auf den Punkt gebracht: »Es ist eine Frage der Ratio, ob ich in einer bestimmten Situation einer Krankheit eine exakte, punktuelle, meist sofort eintretende Wirkung erzielen will oder muß (Notfallmedizin), oder ob ich über Anregung oder Dämpfung körpereigener Regulationssysteme oder auch Substitution derselben durch den Bauplan einer Natursubstanz Selbstheilungsvorgänge intendiere. Beides ist richtig, beides ist nötig – und es ist doch widersinnig, eine Möglichkeit zu negieren, weil sie durch die moderne Forschung nicht erfaßt oder vernachlässigt wurde.« Dem ist an Deutlichkeit nichts hinzuzufügen.

Außerdem hat man wohl vergessen, daß bei einer Gleichstellung der Phytotherapie mit der Pharmakotherapie chemisch definierter Substanzen natürlich auch eine Regel gilt, die das ganze Unterfangen als sinnlos entlarvt, dass nämlich aus pharmakologischer Sicht eine Kombination von mehr als drei Substanzen schlicht und einfach unvertretbar erscheint – wo doch eine einzelne Pflanze in diesem Sinne bereits ein Vielstoffgemisch ist. Im naturheilkundlichen Sinne ist die Pflanze allerdings eine unverwechselbare biologische Einheit und wie Fintelmann so schön sagt: »nach dem Bauplan der Natur«.

Recht hat er, meint

Ihr


Naturheilpraxis 12/1994