EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

das Wort »Ethik« wird ja gern im Munde geführt, einmal, weil man deren Abwesenheit zunehmend und allenthalben registrieren muß, und das nicht etwa nur in der Medizin, und zum anderen, weil auf die Ethik in gewisser Weise die Weisheit aus Goethes Faust zutrifft, daß immer, wo Begriffe fehlen, ein Wort zur rechten Zeit sich einstelle – und teuflischerweise sagt er das selbst: der Teufel.

Wir begegnen gerade im Bereich Medizin praktisch allen mehr oder weniger erkenntnis-theoretisch erdachten Aspekten von Ethik in den alltäglichen Situationen menschlicher Kommunikation zwischen Behandler und Patient. Ein Alltag, in dem die Ethik ihre Probe zu bestehen hat.

Wir haben natürlich mit den losgelösten Ethik-Gedanken auch ein gut Teil unserer paradiesischen Unschuld verloren. Es ist deshalb immer wieder unsere Aufgabe, die Ethik von ihren unterschiedlichen Sockeln zu holen, von denen sie mehr moralisierend als moralisch auf uns herabdroht und unsere oft heuchlerischen und eitlen Opfergesten einfordert. Wichtig ist, daß wir gerade im Umgang mit kranken Mitmenschen nichts Abgehobenes vollziehen.

Und wichtig erscheint mir, daran zu erinnern, daß im Zusammenhang mit Heilkunde – so versteht es jedenfalls die Naturheilkunde und deshalb ist Ethik in gewisser und sehr viel ursprünglicherer Weise in sie integriert – das spontanere Element der zwischenmenschlichen Ethik nicht die eher mühsame Pflichtethik, sondern eine ganz ursprüngliche Ethik sein sollte, in der noch deren Wurzeln und Motivationen zu spüren sind: die Einfühlung, ein intuitives, gefühlsbestimmtes Personenverstehen, die Empathie.

Für die Therapeuten, die sich auf ihre Patienten einlassen müssen, ist sie, meine ich, unentbehrlich. Freilich ist in diesen empathie-beanspruchten Berufen immer auch die Abwehr von psychischer Überforderung des Helfers mitorganisiert, was zu berufstypischen Empathie-Grenzen führen kann.

Bei langer Berufserfahrung kann zwar eine größere Treffsicherheit im Urteil über Patienten beobachtet werden, aber es besteht eben auch die Gefahr, daß sich verfestigte Urteilsklischees festsetzen, die einer ursprünglichen und spontanen Zuwendung im Wege stehen.

Auch die Diskussion der Sinnfrage spielt in der Naturheilkunde eine große Rolle. Dem Patienten in der Auseinandersetzung mit sich selbst zu helfen, die Sinnfrage für sich zu beantworten, ist sicher der vornehmste Akt ethischen Vorgehens der Naturheilkunde und ist als ethische Dimension mit deren »lege artis« untrennbar verbunden.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 02/1995