EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Die Neugierde des Menschen und sein Forscherdrang haben immer wieder zu Entdeckungen geführt, die die Welt in Atem hielten. Viele technische Lösungen wurden lange Zeit der Natur abgelauscht und nachgebaut Das technische Zeitalter hat zuweilen unabhängige rationale Lösungen gefunden, die auf einer Perfektion der Mechanik beruhten. Oft genug hat man damit gegen die Natur gearbeitet und Probleme des ökologischen Gleichgewichts heraufbeschworen, und selten konnte die Ethik mit der Machbarkeit Schritt halten.

Der Chip hat die technischen Möglichkeiten nochmals revolutioniert und die Frage der Machbarkeit zu einer Überlebensfrage werden lassen. Seit einigen Jahren feiert die Technik, bei der Natur abzuschauen, eine große Renaissance.

Dennoch, ohne ethische Kontrollinstanz wird der Einsatz technischer Mittel immer bedenklicher. Noch ist die Gentechnik in der Diskussion, und sie wird es sicher lange bleiben, da sehen wir uns mit einer neuen Wissenschaftsdisziplin konfrontiert, die sich systematisch mit der technischen Umsetzung und Anwendung von Konstruktionen, Verfahren und Entwicklungsprinzipien biologischer Systeme befaßt, der Bionik und speziell der Neurobionik. An diesem neuen interdisziplinären Forschungszweig beteiligen sich Mathematiker, Computerexperten, Biophysiker und Chirurgen. Mikrochips sollen defekte Nervenzellen, z. B. das Rückenmark, überbrücken helfen, um Querschnittsgelähmten wieder auf die Beine zu helfen. Denkbar sind auch Seh- und Hörprothesen. In einer Art Ende dieser Entwicklungsstufe zeichnen sich gar Gehirnprothesen ab.

Obwohl bei einer Wissenschaft, die den Geist des Menschen auf künstliche Träger verpflanzen will, auch und ganz besonders dem Mißbrauch Tor und Tür geöffnet ist, hat die Öffentlichkeit kaum Kenntnis davon genommen, geschweige denn eine Diskussion darüber begonnen. Kein Zweifel, dass eine ethische Folgenabschätzung Thema einer breiten Öffentlichkeitsdiskussion aller gesellschaftlichen Gruppen sein muß. Das Bild vom Menschen muß immer wieder neu fixiert werden, damit unser Charakterbild nicht so sehr in der Geschichte schwankt, daß wir uns in einem unüberbrückbaren Interessenkonflikt aus den Gesamtzusammenhängen der Natur und des Kosmos ausklinken und heimatlos werden. Denn dabei bleibt's ja wohl, daß hier unsere Heimat ist, oder?

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 03/1995