EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

könnten das bundesdeutsche Gesundheitswesen tiefgreifender verändern als eine Reform. Gegen die allgemeine Verabredung und den erklärten Willen von Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer hat das »Institut für Arzneimittel in der Krankenversicherung – IAK« den Entwurf der Arzneimittelpositivliste den beteiligten Verbänden Anfang April zugeleitet. Es ist schon ein Coup ganz eigener Qualität, wenn da elf vom Gesetzgeber beauftragte und hochbezahlte Wissenschaftler gegen den Willen ihres Auftraggebers handeln.

Die im Vorgriff von ihnen verbreitete Liste enthält konkrete Benennungen von Präparaten mit Handelsnamen, die von Kassenärzten in Zukunft noch verordnet werden dürfen.

Arroganterweise enthält die Liste keine Angaben oder Erklärungen, warum einzelne Medikamente nicht aufgenommen wurden. Zu den »out of limits Mitteln« gehören vom BGA ganz normal zugelassene pflanzliche Naturarzneien, z. B. aus dem mit zunehmendem Alter immer bedeutender werdenden Bereich der Durchblutungsstörungen. Diese Positivliste ist die mißverstandene Perfektion aller Negativlisten und der Einstieg in die absolute Listenmedizin.

Der Kassenarzt, wenn denn seine »Kunst« überhaupt noch gefragt ist, wird sich auf die Diagnostik beschränken müssen. Der Verordner ist die Liste, und für vieles Diagnostizierte wird sie kein Präparat bereithalten.

Das Wort Therapiefreiheit wird aus der Kassenmedizin ganz gestrichen. Dabei ist es einmal als unverzichtbar wichtiges Wort geprägt worden, weil man an der Erkenntnis nicht vorbeikam, daß zur wirksamen und erfolgreichen Therapie die Freiheit gehört, seine therapeutischen Entscheidungen an dem jeweiligen Problem eines Patienten zu orientieren. Die standardisierte Listenmedizin kommt denn doch ein wenig zu früh – noch haben wir nicht den geklonten Standardmenschen dafür.

Auch wenn es sich hier nur um einen ersten Entwurf handelt, und Entscheidungen, wenn überhaupt, erst 1996 fallen, dieser »Entwurf« wird die Runde machen unter den Kassenärzten, jeder wird ihn sich besorgen. Die Positivlistenpräparate werden sich in den Hinterköpfen der Kassenverordner festsetzen. Sie werden bei der künftigen Verordnung von vornherein »die Schere im Kopf« haben.

Die Indiskretion einer Vorveröffentlichung dieses Entwurfs kann tiefgreifendere Verordnungsveränderungen nach sich ziehen, als es einer vernünftigen und ausgewogenen Reform mit den entsprechenden notwendigen Einsparungen lieb gewesen wäre.

Es ist immer wieder dasselbe in dieser Republik: Ein Sieg des Wissenschaftsdogmatismus, ein Sieg der wissenschaftlichen Bevormundung. Was kann es nützen, in diesem Zusammenhang an den in unserem Arzneimittelgesetz verbrieften Pluralismus zu erinnern. Diese Erinnerung hat schon lange liebenswerte sozialromantisch rückwärtsgerichtete Züge, die mit der Realität nichts mehr zu tun hat.

Die Bedürfnislücken der Kranken werden bei solcher Entwicklung größer werden. Und um so größer wird auch die Bedeutung der Naturheilkunde, die sich ihre Therapiefreiheit nicht nehmen lassen darf, um für ein optimales an den individuellen gesundheitlichen Problemen des Einzelnen orientiertes therapeutisches Vorgehen zu gewährleisten. Tun wir alles, um für diese Aufgabe gerüstet zu sein.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 05/1995