EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Nach wie vor schlägt sich die Allgemeinmedizin mit dem Non-Compliance-Problem herum, und in Zeiten in denen ansonsten per Gesundheitsreform jeder Pfennig umgedreht wird, immer noch in Milliardenhöhe – ein Betrag, der sicher leicht die Budgetüberschreitung der Ärzteschaft erreicht und als Regreß im Raum steht.

Vielleicht könnte man sich das Geld verdienen, wenn man die Patienten während der Behandlung noch gründlicher aufklärt über die Zusammenhänge der Wirkungsweise, was man von dieser oder jener Arznei zu erwarten hat, auch an Nebenwirkungen und vor allem, wie man diese einzuordnen hat. Hört man hierzu nichts oder nur wenig und liest die Latte von Nebenwirkungen später erst auf dem Beipackzettel, ist der Weg verordneter und gekaufter Medikamente in die deutschen Mülleimer beschlossene Sache.

Leider kommt auch der Patient von sich aus noch viel zu wenig darauf, der bei jeder Medienwerbung allgegenwärtigen Empfehlung Folge zu leisten: »Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.« Zu sehr ist oft noch das Verhältnis zur Autorität des Arztes von falschem Respekt geprägt, so daß der Patient per Weisung durch die gesamte Behandlung geschleust wird. Bevor er so richtig zur Besinnung kommt, ist er wieder auf dem Parkplatz.

In einem mehr partnerschaftlichen Umgang scheinen Reserven für eine Kostenersparnis in beträchtlicher Höhe zu liegen. Es stellt sich ganz logisch die Frage, ob man als Behandler, wenn man Zeit bei der Behandlung spart, nicht auf der anderen Seite Kosten erzeugt. In welcher Höhe die eingesparten Zeitkosten zum Kostenfaktor des Non-Compliance-Problems stehen, müssten Versicherungsmathematiker und Statistiker einmal ganz nüchtern ausrechnen.

In der Ausschöpfung partnerschaftlicher Strukturen in der Medizin scheinen in jedem Fall verborgene Schätze zu liegen. Die Naturheilkunde weiß, daß es nicht nur finanzielle Schätze sind, sondern daß die partnerschaftliche Heilkunde auf der Schiene der Mit- und Eigenverantwortung für Heilmaßnahmen auch das Gesamtspektrum der Selbstheilungskräfte optimal mobilisiert. Abgesehen davon, daß ein solches von Gleichberechtigung und gegenseitigem Respekt geprägtes Behandler-Patienten-Verhältnis zum »lege-artis«-Vorgehen der Naturheilkunde gehört.

Die Vermenschlichung aller Vorgänge des Lebens scheint überhaupt stets die kostengünstigste Lösung zu sein, die durch keinen organisatorischen Perfektionismus übertroffen werden kann. Die Vermenschlichung allein kann eine Motivationsförderung für den Einzelnen mit sich bringen und eine daraus sich speisende Sinnerfüllung für das Leben. Das ist nicht organisatorisch zu erledigen.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 06/1995