EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Solange ist es auch wieder noch nicht her, daß das erste Unterseekabel durch den Atlantik gelegt und mit einem fernmündlichen Kontakt zwischen dem amerikanischen Präsidenten und dem englischen Premier eröffnet wurde. Schon damals zeigte sich ein eklatantes Mißverhältnis zwischen dem technischen Aufwand dieser Kommunikationsmöglichkeit und der inhaltlichen Nutzung. »Hallo, do you hear me?« sollen sie beide nur gestammelt haben, bevor ein Rauschen sie von ihrer offensichtlichen Beklemmung und Stummheit vor dem neuen Medium befreit hatte. Ja, ja, es stimmt schon: Das Medium ist die Botschaft, und die war hier einerseits (technisch) gigantisch, andererseits (inhaltlich) kläglich.

Mag sein, daß es beiden Volksrepräsentanten auch an der Vorstellung gemangelt hat, daß der andere jeweils schlicht und einfach ebenfalls den Hörer in der Hand hielt und man nun wie »von Angesicht zu Angesicht« hätte plaudern können.

Dennoch – das neue Medium trat seinen Siegeszug um die Welt an und hatte schnell einen höheren Stellenwert als – von Ausnahmen abgesehen – jede persönliche Begegnung. Das Telefon bekam etwas wichtiges, fast amtliches und genoß stets den Vorzug. Hatte man sich persönlich auf ein Amt bemüht und fein säuberlich in die Warteschlange eingeordnet, die der Beamte vor einem Schalter offensichtlich als Beweis einer Existenzberechtigung und Wichtigkeit ganz gern sah, und klingelte dann das Telefon, so wurde die »Personenabfertigung auf der Stelle gestoppt und der Hörer von der Gabel gerissen. Der Beamte legte sich zurück, trat sozusagen aus der lästigen Situation mit all dem Personenverkehr heraus, war von einer ausgenommenen Freundlichkeit, die man zuvor in der persönlichen Behandlung durchaus vermissen mußte. Wa war geschehen? Nun, ein anderer Kunde, der keine Lust hatte und die Mühe scheute, persönlich auf das Amt zu gehen, erhielt, auch wenn es sich um etwas völlig Unwichtiges handelte, was lange hätte warten können, den Vorzug einer prompten und freundlichen Behandlung. Das Medium war die Botschaft. Natürlich nutzte sich diese Vorzugstellung durch häufigeren Gebrauch allmählich ab, und man wird heute telefonisch genau so schnöde abgefertigt, wie es früher nur persönlich üblich war. »Unsere Leitungen sind zur Zeit alle besetzt – all our lines are busy«. Punkt – Schluß.

Trotzdem - das waren noch Zeiten, als diese Kommunikation lediglich durch fein säuberlich verlegte Kabel floß und man wußte, wo und wie.

Heute geht der ganze Schmutz einfach durch den Äther. Wenn man im Kopf nicht nur einen Empfänger hatte, sondern auch einen Umsetzer, man würde ständig hunderte von Radioprogrammen und zigtausende von Telefonaten mithören. Natürlich würde man dann auf den Wahnsinn aufmerksam werden. Aber es ist eine Täuschung zu glauben, weil wir das alles nicht mithören, gäbe es dieses nicht. Eines steht fest: Den Empfänger haben wir, und der ist randvoll.

Das Medium hat sich verselbständigt. Im Nachhinein muß man feststellen, daß das »Hallo, do you hear me?« zur Eröffnung des Unterseekabels auch unter inhaltlichen Aspekten gar nicht so schlimm war im Verhältnis zu dem, was durch millionenfachen Gebrauch »just for fun« heute so alles als teure Belanglosigkeit übermittelt wird. Die  Menschen rennen mit ihren Handy aneinander vorbei.

Warum muß ich mir an meinem Bistrotisch in der Eisdiele mit ansehen, wie einer seine Zunge in die Telefonmuschel bohrt und offensichtlich die Gestaltung seiner Abendverabredung bespricht? Das Handy – ein Sittengemälde.

Flugzeuge können wegen Störung der Elektronik abstürzen, aber dem Menschen schadet es nichts. Es lebe die Verharmlosung, es blühe das Geschäft.

Das Medium ist die Botschaft. »Ich habe  ein Handy, also bin ich. Ich habe zwei Handy, also ...«. Das Handy – nur ein Medium? Oder vielleicht auch eine Diagnose?

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 09/1995