EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

»Die Uhr ist ein Antriebsmechanismus, dessen Produkt Sekunden und Minuten sind«, sagt Lewis Mumford in seinem sozialkritischen Buch »Technics and Civilisation«. Das Produkt der Zeitmessung löst die Zeit aus ihrem Erlebniszusammenhang. Die mechanische Gliederung der Zeit als eine Abfolge meßbarer Zeiträume steht dem natürlichen Erlebensrhythmus wie auch dem allgemeinen Rhythmus der Natur divergent gegenüber. Die Erfindung der Uhr hat uns zunächst zu pünktlichen Zeitmessern, dann zu Zeitsparern und schließlich zu Dienern der Zeit gemacht. Im Laufe dieser Entwicklung haben wir den natürlichen Rhythmen, wie Tag und Nacht, oder auch dem der Jahreszeiten zunehmend unseren Respekt entzogen und in unserer Welt der Minuten und Stunden die Autorität der Natur weitgehend abgeschafft. Damit hat auch die Ewigkeit aufgehört, Maßstab und Fluchtpunkt menschlichen Erlebens und Handelns zu sein.

Was hat das nun mit der naturheilkundlichen Behandlung beim Heilpraktiker zu tun, wird zu Recht gefragt? Nun – da das eigentliche Substrat der naturheilkundlichen Behandlung nicht die Sache „Krankheit“ ist, auf die der Heilpraktiker sein Augenmerk richtet, sondern ein Akt des Miteinanders zwischen Heilpraktiker und Patient, ist die Behandlung, bei allem selbstverständlichen Können und »lege-artis«-Vorgehen, auch bestimmt von einem möglichst intensiven zwischenmenschlichen Erleben, Aufnehmen und Geben.

Der 3-Minutentakt einer Kassenpraxis läßt keinen persönlichen Entfaltungsspielraum zu. Der Arzt kann schon von daher nicht aus den wichtigen Möglichkeiten seiner sinnlichen Wahrnehmungen im Zusammenhang mit der Diagnose seines Gegenübers schöpfen – ein für die Naturheilkunde wichtiger und unverzichtbarer  Bestandteil der Behandlung.

Nicht zuletzt deshalb ist der Faktor Zeit wirklich von so immenser Bedeutung und verdient ärztlicherseits durchaus nicht die zuweilen gehörte abfällige Bemerkung über die Heilpraktiker-Behandlung: »Das einzige, was die Heilpraktiker können: Die lassen sich halt mehr Zeit«.

Nein, nein, die Zeit ist die Grundvoraussetzung, daß ein erfolgreiches naturheilkundliches Vorgehen überhaupt entstehen kann. Man muß für das »Patienten-Erlebnis« offen sein. Man sollte zu Beginn des Gesprächs ohne Zeitdruck sein, Zeit haben, zuzuhören, um die berichteten Befindenssymptome frei und ungehetzt mit seinem Erfahrungsschatz assoziieren zu können. Man braucht auch die Zeit, um Dinge, die in einem anklingen, auszusprechen, über den Dialog weiterzukommen. Und schließlich braucht man noch die Zeit, das »Patientenerlebnis« in Ruhe ausklingen zu lassen, nicht abbrechen zu müssen und so etwa den Erfolg wieder zu verspielen.

Wir sollten überzeugte Revolutionäre gegen die ungehemmte Anwendung der geschäftigen Floskel »time is money« sein. Der Segen kommt oft von ganz allein – manchmal sogar der monetäre.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 11/1995