EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Das Anbrechen eines neuen Jahres scheint ein magisches Datum zu sein, ein Neubeginn, wo durch alle und alles ein Ruck geht. Allüberall herrscht Aufbruchstimmung, wohin auch immer. Das Mindeste, das man einem anderen zuruft: »Schönes neues Jahr« und nicht selten wird hinzugefügt »und viel Erfolg«. Allenthalben schwingt Hoffnung mit, dieses unersetzbare Lebenselexir.

Der im letzten Jahr weniger Erfolgreiche trotzt der Zukunft mit einem »Jetzt erst recht« und vergißt leicht, daß er die Luft, mit der er sich so mutwillig aufgeblasen hat, bald wieder wird ablassen müssen will er nicht daran ersticken. Selbst der Skeptiker hat für das neue Jahr einen Begrüßungsspruch parat: »Es kann nur noch besser werden«, meint er kommentieren zu müssen und der Pessimist drückt es negativ aus: »Schlimmer kann es nicht mehr kommen.« – Doch es kann. Man kann die Zukunft beschwören, soviel man will, die Realität holt uns allemal  ein.

Zulange hat unsere Gesellschaft Schecks auf die Zukunft ausgestellt und damit die Wege in eine solche verbaut, zumindest unendlich mühevoll gemacht. Da leben wir so schön in Saus und Braus dahin und dann fordert eine wahrhaftig ernst zu nehmende Studie »Zukunftfähiges Deutschland« (und sie begründet das auch): Die Zukunft sollte mit einer »Ethik der Genügsamkeit« gestaltet werden. Unser Wirtschafts- und Wohlstandsmodell ist nicht zukunftsfähig. Wir stoßen an Grenzen der Belastbarkeit unserer Umwelt. Der Rohstoff- und Energieverbrauch müßte bis zum Jahre 2050 um 80 bis 90% reduziert, die Landwirtschaft auf ökologischen Landbau umgestellt werden. Auch eine Vollbeschäftigung herkömmlichen Stils wird es nicht mehr geben. Statt der »Wegwerf-Ware« sollten wir langlebige Produkte verwenden. Wir brauchen einen sparsameren, bescheideneren Lebensstil, aus dem wir unsere Lebensqualität ziehen müssen. Viele unserer Besitztümer werden nur manchmal gebraucht und stehen lange herum. Es liege daher nahe, heißt es in der Studie, Nutzung und Eigentum voneinander zu trennen, z. B. durch Car-Sharing und Leihstationen für Werkzeug und Haushaltsgeräte.

Die Umweltexperten ließen sich bei ihrer Studie von zwei Maximen leiten:

1. habe jede Generation die Erde treuhänderisch zu nutzen und möglichst  intakt zu hinterlassen;

2. habe jeder Mensch das gleiche Recht auf intakte Umwelt.

Beide Maximen dürften ziemlich genau mit denen übereinstimmen, von denen die Naturheilkunde in ihrem Denkansatz ausgeht, daß die Natur eine Leihgabe ist, deren Unverletzlichkeit unseren Respekt verdient. In diesen Grenzen verlangt die Heilkunde am Mitmenschen jedes Engagement.

Bei jedem Schritt darüber hinaus sollte ein kurzes Innehalten stehen und eine kritische Bewertung unseres Vorhabens. Allzu oft holt uns der Alltag ein. Wir müssen Schluß machen mit der faustischen Devise: »Am Anfang war die Tat.«

Der Beginn eines neues Jahres, dieses magische Datum, vielleicht eine Gelegenheit, wieder einmal an diese Zusammenhänge zu erinnern? In diesem Sinne – in Abwandlung des pessimistischen Neujahrsgrußes: Es kann noch schlimmer werden. Oder wird es irgendeinem Lifestyle-Designer gelingen, einem neuen Trend Faszination einzuhauchen, eine New Wave zu kreieren: »Bock auf Bescheidenheit«?

Herzlichst


Naturheilpraxis 01/1996