EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Eine gern gepflegte literarische Form vergangener Jahrhunderte, die Novelle – man denke nur an die entzückenden Zürcher Novellen, diese Kabinettstückchen des Gottfried Keller – treibt ganz neue Blüten: Das »literarische« Schaffen des Bundesgesundheitsministeriums kann sich diesbezüglich, zumindest was die Anzahl der Novellen betrifft, sehen lassen. Seit Inkrafttreten des neuen Arzneimittelgesetzes haben die Autoren des BMG nicht geruht und schreiben augenblicklich nach fünf AMG-Novellen fleißig in seiner sechsten. Nimmt man die sogenannte Sekundärliteratur, also Erklärungen der Novellen, Lese- und Interpretationshilfen der Novellentexte in Form z. B. von Arzneimittelprüfrichtlinien und ähnlichem hinzu, hat das Ministerium in den letzten Jahren schon einige Wälzer verfasst. Falsch wäre allerdings anzunehmen, daß die Leserschaft besonders betroffener Kreise von dieser Lektüre amüsiert wäre und daß das reichhaltige literarische Schaffen des Ministeriums sozusagen das Ergebnis eines stürmischen Erfolgs wäre, der nach Fortsetzungen verlange.

Nein, es ist eher der Misserfolg der vorherigen Novellen, der eine neue bitter nötig macht. Nachdem die 5. AMG-Novelle sehr unterschiedliche Interpretationen zugelassen hat und die Texte in verschiedenen Kreisen mit sehr unterschiedlichen Betonungen gelesen wurden, lag die sechste als Fortsetzung und allgemeingültige Interpretation vorheriger Ungereimtheiten auf der Hand.

Ursprünglich sollte ja das Hauptthema der 6. Novelle von der Haftung handeln, was sich durch die Problematik HIV-verseuchter Blutpräparate aufgedrängt hatte, aber es scheint, als würde auch aus der neuen Novelle eine echte Fortsetzungsstory mit dem Dauerthema »Nachzulassung« – ein inzwischen etwas morbides Sujet, das ja eigentlich nach EU-Vorstellungen seit 1990 der Vergangenheit angehören und höchstens noch für einen Geschichtsroman tauglich sein sollte. Aber in Deutschland sind schon so viele Novellen um das Thema herumgeschrieben worden, daß der Stoff brandaktuell geblieben ist. Der Möglichkeit, dieses Thema zu realisieren und somit zum Geschichtsstoff zu degradieren, war man schon einmal näher gewesen, aber mit einem Kunstkniff, mit dem man den Gordischen Handlungsknoten in der 5. Novelle zerschlagen wollte, hat man sich wieder von der Problemlösung entfernt – und so drängt sich das Thema Nachzulassung erneut in den Handlungsmittelpunkt der 6. Novelle und will abgehandelt werden. Übrigens: Das BMG wäre ein schlechter Autor, wenn es sich durch eine Problemlösung die Stoffülle für weitere mögIiche Novellenserien vergeben würde.

Und wenn man einmal einen kühnen Blick ins nächste Jahrtausend wagen möchte: Es bestehen gute Aussichten, auch noch im Jahr 2005 eine Novelle mit dem Thema Nachzulassung lesen zu können, auch wenn Ende 2004 das letzte Naturheilmittel abverkauft sein wird. Dann gehören die Novellen endlich in den Bereich, von dem sie immer schon so ein wenig hatten: in die Science-Fiction – und es ist durchaus denkbar, daß im Jahr 3000 die Fiktion einer Renaissance der Naturheilmittel Realität wird. Nein, Spaß beiseite: Die 6. Novelle mit einer vernünftigen und machbaren Lösung der Nachzulassung ist höchst willkommen und bitter nötig.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 02/1996