EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

»... denn immer, wo Begriffe fehlen, da teilt ein Wort zur rechten Zeit ich ein«, versucht Mephisto einem Schüler beruhigend einzuflößen, und das ist wahrhaftig teuflisch, denn letztlich hat das Wort doch eine wie auch immer geartete Begriffsschöpfung im Schlepptau, fördert bestimmte Vorstellungen, lenkt in bestimmte Richtungen. Was sich dahinter verbirgt, öffnet sich nur dem, der kritisch die zu Begriffen gewordenen Wörter als ledigliche Interpretation der Wirklichkeit begreift und entlarvt und diese nicht etwa für eine identische Beschreibung der Realität hält.

Bert Brecht hat in seinen Flüchtlingsgesprächen sagen Iassen: »Die Begriffe, die man sich von etwas macht, sind sehr wichtig. Sie sind Griffe, mit denen man Dinge bewegen kann.« Begriffe schaffen Realität und schaffen Ordnung und Übersicht darin, oft allerdings um den Preis der Vereinfachung und Verkürzung komplexer Zusammenhänge und Sachverhalte.

Nicht zuletzt trifft diese Tatsache auf die Medizin zu. Die Sprachschöpfung in diesem Bereich hat mit ihren begrifflichen Definitionen über die Fachterminologie eine ganz eigene Wirklichkeit geschaffen, in der ihr ärztliches Handeln überhaupt erst einen Sinn ergibt. Und über die sinnstiftende Entfaltung fachlicher Begriffe wird eine hinter ihr stehende ganz bestimmte Ideologie mittransportiert.

Das wissenschaftliche Selbstverständnis der heutigen Medizin hat allerdings in den Köpfen ihrer Vertreter die Überzeugung reifen Iassen, daß es sich bei ihrer Begriffschöpfung nicht um ein »ideologiegefärbtes« Phänomen handelt, sondern um die Wirklichkeit selbst. Sie sehen sich also nicht in einen bestimmten Denkstil eingebunden handelnd, sondern in der Rolle eines Betrachters und Erforschers der Wahrheit und Wirklichkeit. Und so ist es ganz verständlich, dass aus einem eigentlichen Medizin-Paradigma ein Medizin-Dogma geworden ist.

Gegner und Kritiker bekommen das deutlich zu spüren. Auch sie haben im ärztlichen Wortschöpfungsraster und besonders dem der Ärzteverbandsfunktionäre einen fest zugewiesenen Platz: Sie werden als Scharlatane und Quacksalber bezeichnet und die Heilkunde, die sie anbieten, belegt man gern mit den Begriffen obsolet und okkult.

Wenn man das ernst nehmen sollte, müßte man es als einen unüberbrückbaren Gegensatz und Konflikt ansehen. Betrachtet man solche Begriffe allerdings im Kontext der seit Jahrhunderten eingeübten Auseinandersetzung zwischen Schule und den Heilbehandlern aus dem Volke, relativiert sich die verbale Aburteilung, und man erkennt, daß der Kampfwagen der Ärztefunktionäre in den alten ausgefahrenen Spuren dahinrattert und der Konflikt manchmal eher mühsam belebt werden muß. Es dauert sicher nicht mehr lange, bis auch der Letzte merkt, daß der Kampfwagen längst ins Museum gehört.

Es geht letztlich doch um den hilfesuchenden Menschen – Punkt!

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 05/1996