EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Der Kuchen, der zu verteilen ist, ist nicht größer geworden, im Gegenteil, kleiner. Gestiegene Arbeitslosenzahlen, kaum mehr steigende Löhne und Gehälter, wirtschaftliche Zukunftsängste bewegen viele Menschen zu vorsichtigerem, wenn nicht gar im wahrsten Sinne des Wortes zurückhaltendem Umgang mit Geld. Auch die privaten Krankenversicherer zeigen ein eher restriktiveres Verhalten bei der Leistungserstattung. Das alles sind Umstände, die die privat liquidierenden Praxen nachhaltig berühren, Arzt- wie Heilpraktikerpraxen gleichermaßen.

Hinzu kommt, daß die Zahl der berufstätigen Ärzte in den letzten Jahren um rund 90000 angestiegen ist. In diesem Jahr kommt auf 290 Einwohner ein Arzt. Damit ist die Arztdichte größer als je zuvor, und sie wird sicher noch einmal leicht ansteigen. Auch die Zahl von Heilpraktikerpraxen hat in den letzten Jahren weiter zugenommen, wenn auch prozentual nicht so kraß wie die der Ärzte.

Da sich eine zunehmende Zahl von Ärzten als Privatärzte niederlässt, stehen die Heilpraktiker in direkter Konkurrenz mit ihnen um den Privatpatienten. Daß diese Ärzte in der Mehrzahl sich auch mit naturheilkundlichen, homöopathischen, auch anthroposophischen Methoden befassen oder diese zumindest anbieten, macht die Sache nicht leichter.

In einer solchen Situation wirken sich die Gesetze der freien Marktwirtschaft besonders deutlich aus. In Zeiten des Überflusses und einer nicht so harten Konkurrenz war es leichter, sich sein Stück vom großen Kuchen abzuschneiden.

Grund zur Resignation? Nein, durchaus nicht, sondern Zeit zu bilanzieren, seine eigene Tätigkeit kritisch zu hinterfragen. Vielleicht haben sich in den leichteren Zeiten Bequemlichkeiten eingeschlichen, die sich heute als Probleme auswirken? Vielleicht hat einen manchmal der Erfolg einer bestimmten Therapie oder eines brillanten Gerätes zu einer Art Therapiemonomanie oder einem zu großen Spezialistentum verführt, mit dem man in den veränderten Zeiten nicht mehr so gut zurechtkommt?

Heute muß man sich auch im Bereich der Honorarforderung noch kritischer als sonst die Frage stellen: Wie kann mein Patient mein Honorar, auch wenn es leistungsangemessen ist, überhaupt verkraften? Was bedeutet so ein Besuch für ihn?

Wenn sich die Zeiten ändern, muß man immer wieder einmal die eigene Tätigkeit und Praxisstruktur überdenken, denn die Bedürfnislücken der Bürger, die die systemische Medizin läßt, haben sich in den letzten Jahren grundlegend geändert.

Heilpraktiker war immer ein freier Beruf ohne die bequemen Pfründe der gesetzlichen Kassen, der auf die Bedürfnisse der kranken Bürger einging und sein Handeln daran ausrichtete. Er müßte eigentlich am besten gerüstet sein, auch mit Engpässen zurecht zu kommen. Das Bedürfnis der Bürger nach der Behandlung beim Heilpraktiker ist ungebrochen stark. Die Gesundheit ist nach wie vor kostbar. Sie darf aber vielleicht nicht mehr soviel kosten.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 06/1996