EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Okkultismus, Scharlatanerie, Spinnerei, obsolet – solche oder ähnliche Wörter aus dem Standardrepertoire feindlicher Begriffe sind eigentlich seit eh und je an der Tagesordnung, wenn sich wissenschaftlich ausgerichtete Mediziner mit dem Phänomen der Augendiagnose bzw. Irisdiagnostik befassen, d. h. befassen ist falsch ausgedrückt, denn sie befassen sich ja gerade nicht damit, sondern urteilen lediglich ab, ohne sich damit zu befassen.

Wie schön, wenn man sein medizinisches Paradigma zum allgemeingültigen Dogma erklärt hat und sich mit nichts, was da nicht hineinpaßt oder darüber hinausgeht, mehr befassen muß und es flugs be- oder aburteilen kann.

Oft genug ist streng gläubigen Wissenschaftlern in den letzten Jahren schon das Lachen im Hals stecken geblieben, wenn die sensibler werdenden Forschungen im materiellen Bereich Ergebnisse erbrachten, die über materielle und erwartete Erkenntnisse hinausgingen, zum Umdenken oder gar „Weiter"-Denken zwangen – Ergebnisse, die manchmal eher in ganzheitsmedizinische Denkmodelle paßten als ins linear-kausal-wissenschaftliche Dogma.

Alles Geschrei nützt nichts, die stete Wiederholung von Vorurteilen macht diese dennoch nicht zu echten Werturteilen, und irgendwann wird jeder, der nur Vorurteile reproduziert, einmal eingeholt.

Jetzt nämlich überrascht die strenge Wissenschaft mit ihrer perfekten Technik im Bunde die eigenen Anhänger. Da sitzt ein Wissenschaftler vor einem Bildschirm und betrachtet doch tatsächlich – man wird es nicht für möglich halten – eine Großaufnahme der menschlichen Iris. Steht die Welt der Wissenschaft Kopf? Was ist los?

Eine amerikanische und eine japanische Firma, beide bekannt für ihre Weltspitzenforschung, haben in Zusammenarbeit eine Methode der „Iris-Identiflikation" entwickelt. Und wie Spitzenforschung, die sich nicht um Vorurteile kümmert, meistens aus dem militärischen oder Sicherheitsbereich stammt, beides Bereiche, wo es Geld und Besitz zu schützen oder erobern gilt, soll diese Methode der Personenidentifikation und -überprüfung dienen. Sie kann in Geldautomaten von Banken eingebaut werden. Ein Scanner tastet die Iris des Kunden ab, bevor er die Moneten herausrückt. Diese Methode setzt stillschweigend voraus – was richtig ist –, daß jeder Mensch seine eigene und somit unverwechselbar identifizierbare Iris hat.

Na gut, daß man sich als Banker nicht darum kümmert, warum das so ist, sondern einem genügt, daß es funktioniert und das Geld nicht an falsche Kunden ausgezahlt wird, kann man verstehen. Aber darf man darauf hoffen, daß sich die Wissenschaft nun doch einmal dieser Frage widmet, warum das so ist? Man soll alle Menschen unterscheiden und identifizieren können, und das Ganze hat nichts mit der Genetik zu tun? Wie lange bleibt wohl nun das Vorurteil noch bestehen, daß man jeden einzelnen der Milliarden-Weltbevölkerung anhand seiner Iris soll identifizieren, nicht aber diagnostizieren können?

Erfolgt bald der Schritt von der Identifizierung zur Diagnostik? Oder bleibt die Irisdiagnose als Kind des „Okkultismus" eine Domäne der Heilpraktiker – zum millionenfachen Wohl ihrer Patienten?

Herzlich Ihr


Naturheilpraxis 08/1996