EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Es geht schon recht merkwürdig zu in unserer modernen Welt, die von Wissenschaftsdogmatismus und Zentralbürokratismus geprägt ist. Wer aber meint, es handle sich lediglich um einen Kampf des wissenschaftlichen Fortschritts gegen das Ewiggestrige und das Sozialromantisch-Rückwärtsgerichtete, täuscht sich. Der Kampf ist vielfältiger Natur, höchst widersprüchlich und vor allen Dingen völlig unübersichtlich.

Untersucht man die Interessen der verfeindeten Parteien, kann man allerdings ziemlich bald ausmachen, daß materielle – sprich: finanzielle – Interessen hinter fast jeder erbittert geführten, angeblich ideologischen Auseinandersetzung stehen. Und es ist kein Geheimnis, daß dieses in besonderem Maße auf die Medizin und ihr Umfeld zutrifft. Der Schulenstreit um unterschiedliche Medizinmodelle, ja sogar um unterschiedliche Sichtweisen innerhalb eines Medizinmodells, läßt an Erbitterung nichts zu wünschen übrig, und die heftigen Argumentationskaskaden sollen uns glauben machen, daß es nicht etwa um einen Pfründekrieg geht. – Es geht! – Und wie!

Wenn man sich die Struktur der chemischen Großpharma anschaut mit ihrer Ausrichtung auf Gewinnmaximierung durch Verdrängungswettbewerb und Monopolstreben – sich dann noch deren Autoritätsanspruch in der Sache vor Augen führt durch die Verquickung mit wissenschaftlich-professoralem Begutachtungs- und Absegnungszwang, dann werden einem wohl die letzten Zweifel genommen, daß das „wissenschaftliche" Sperrfeuer gegen die Naturheilmittel irgendetwas mit einer Ideenauseinandersetzung zu tun habe.

Traurig, daß eine solche Auseinandersetzung ausgerechnet in einem Bereich geführt wird, nämlich dem der Heilkunde, wo es eigentlich seit alters her um ganz andere Tugenden geht, oder zumindest gehen sollte, nämlich um Mitmenschlichkeit, Toleranz, Geduld, ja, man traut es sich in diesem Zusammenhang kaum noch auszusprechen, um Liebe.

Und doppelt traurig ist es, dass man mit dem Kampf gegen die Naturheilmittel nicht nur die Arzneimittel trifft, sondern eine ganze Therapierichtung, auch wenn man unter dem Schlachtruf einer rationalen Therapie aus Pflanzen einige wenige High-Tech-Mittel als Alibi-Funktion vor sich herschiebt. Wenn das die einzigen pflanzlichen Mittel sein sollen, die als europäische Monographien Eingang in das europäische Arzneibuch finden, kann man sich von der traditionellen Pflanzenheilkunde seitens der offiziellen Medizin bald verabschieden.

Es sollte eine besondere Aufgabe der Heilpraktiker sein, gerade die traditionelle Pflanzenheilkunde durch alle Anwendungsmöglichkeiten zu erhalten – in dem festen Bewußtsein, daß eine Pflanze nicht nur ein Vielstoffgemisch ist, sondern eine biologische Einheit.

Mit der rein materiellen Betrachtung der Pflanze befindet sich die Wissenschaft ohnehin im Konflikt mit sich selbst: Ein anderer Zweig ihrer Zunft erforscht nämlich intensiv die biologischen Phänomene der Pflanzen in bezug auf ihren Einsatz im Informations- und Kommunikationsbereich als „biologische Computer", während sich die Pharmakologie bemüht, die Pflanze als biologisches System zu „entstauben", statt ihre weiterreichenden Fähigkeiten zu nutzen. Nutzen wir sie!

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 09/1996