EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Jedermann würde zutiefst erschrecken, wenn er mit diesem Ruf im dunklen Wald überfallen würde. Andererseits würde sich aber niemand darüber wundern, denn diese rauhe Alternative ist nun mal der Ausdruck von Räuberei. Da gibt es keine unnützen Höflichkeiten, keinen Schmusekurs, da heißt es knallhart und direkt: „Geld oder Leben" – oder im ungünstigsten Falle beides.

Wie gesagt, dieses ist Ausdruck eines gesetzlosen Zustandes, der von unserem Rechtsstaat unter Strafe gestellt und entsprechend strafrechtlich verfolgt wird. Und dieses Recht wiederum leitet sich aus dem Gewaltmonopol des Staates ab, welches auch in einer Demokratie akzeptiert und für nötig befunden wird. Keine Frage, wer solch ein Gewaltmonopol besitzt, muß sein Handeln, gegen das sich ihm anvertraute Personen nicht wehren können, an besonders hohen ethischen Maßstäben ausrichten. Theoretisch ist staatliches Handeln mit dem Grundgesetz zunächst in angemessener Weise vorgegeben.

Allerdings muß man von politisch handelnden Personen darüber hinaus verlangen, daß sie die Verantwortung für Entwicklungen in unserem Gemeinwesen ganz unmittelbar spüren und mit allem Engagement und aller Ehrlichkeit dort zum Nutzen der Bürger eingreifen und Entwicklungen einleiten, die ein friedliches Leben auch in der Zukunft in dem Rahmen gewährleisten, den diese Welt uns bei klugem und weitsichtigen Handeln böte. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß zuweilen viel zu kurzsichtig von Wahlperiode zu Wahlperiode gedacht und gehandelt wird, weil jeder (allzu menschlich?) nach dem nächsten Wahlerfolg schielt.

Daß unsere sozialen Sicherungssysteme im Bereich der Renten und Krankenkosten überdacht werden müssen, da sich das Verhältnis von Kostenerbringern und Kostenempfängern und somit auch von gesunden Beitragszahlern und kranken Leistungsempfängern tiefgreifend verschiebt, ist eigentlich lange klar. Das ist eine Rechnung, die schon der kleine Fritz aufmachen kann. Dennoch werden uns seit Jahren von politisch Handelnden Milchmädchenrechnungen präsentiert, wo aufgrund von waghalsigen Rechenkunststücken statistisch interpoliert wird, als könne auch bei Beibehaltung des Systems ein Beitragszahler einen Rentner und ein gesunder Krankenkassen-Beitragszahler die für einen chronisch Kranken notwendigen Leistungen finanzieren. Man sollte ehrlich sagen, was los ist, auch wenn man mal eine Wahl verliert.

Schaut man sich das heutige Krankenkassenwesen-Gesundheitssystem an, so ist da noch gewaltig Spielraum, von der Verwaltung, über die Rationalisierung, die Finanzierung medizinisch unnötiger Leistungen, und auch beim Herrn Doktor ist noch Spielraum, er ist noch lange nicht beim Durchschnittsgehalt eines Deutschen angelangt. Trotz einiger Einbußen ist es in Deutschland noch immer ein privilegierter Beruf, ganz im Gegensatz zu unseren Freunden in der EU. Die auf uns zukommenden Schwierigkeiten zu überwinden, heißt nicht privilegierter Dienstleistungserbringer zu sein, sondern Partner des Hilfesuchenden, ohne sich auf dessen oder der Allgemeinheit Kosten Platzvorteile zu verschaffen – eine ethische Prämisse, wie sie die Naturheilkunde seit eh und je in ihr „lege artis"-Vorgehen integriert hat. Nicht zuletzt deshalb sprechen die Zeichen der Zeit für die Naturheilkunde.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 10/1996