EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

„Spare in der Zeit, dann hast Du in der Not" haben unsere Vorfahren gesagt, aber sie haben dieses goldene Wort nicht nur im Munde geführt, sondern sie haben auch danach gehandelt und haben zu allererst bei sich selbst damit begonnen.

Auch heute vergeht kein Tag, wo nicht das Wort „sparen" in den Nachrichten vorkommt, dennoch – heute spart man nicht, heute macht man Sparvorschläge. Und die Vorschläge sehen in aller Regel so aus, daß man selbst möglich ungeschoren davonkommt, während man dem anderen vorschlägt, wo er sparen kann. Als das Geld knapper wurde, konnte man diese Praxis der Sparvorschläge auch schon im Gesundheitswesen beobachten. Damals versteckte man das Syndikat von unterschiedlichen „Interessenvertretern", die sich freilich in einem gleichen, daß es ihnen nämlich jeweils um die eigenen Interessen ging, hinter dem wunderbar harmonischen Namen „Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen."

Konzertiert wurde allerdings in recht schrillen und bizarren Dissonanzen. Die Kassen riefen zum Sparen auf, dachten freilich dabei nicht an ihren Verwaltungsaufwand. Die Pharmaindustrie beschwor bei Minimierung ihrer Gewinnspannen den Verlust ihrer Weltspitzenposition in der Pharmaforschung.

Die Krankenhausträger drohten bei Einsparungen und Bettenabbau mit medizinischer Unterversorgung und wollten sich die Gepflogenheit nicht abkaufen lassen, Patienten, die eigentlich freitags entlassen werden könnten, noch über das Wochenende durchzufüttern und dafür den Tagessatz der Kassen einzustreichen, der in der Höhe mit jedem Grand-Hotel konkurrieren konnte.

Apotheker zauberten die Fata Morgana vom Apothekensterben an den Horizont. Verständlicherweise wollten auch die Ärzte-Gesellschaften keine freiwilligen Opfer bringen.

Wenn man die Standesvertreter der Zahnärzte hörte, hätte man meinen können, daß der Berufsstand unmittelbar den Weg ins Armenhaus antritt.

Betrachtet man diese Zeit, muß man konstatieren, daß heute, relativ gesehen, ein gewisser Realismus Einzug gehalten hat, was die Einsicht in die Notwendigkeit zum Sparen anbetrifft. Einzig die Politik scheint der allenthalben herrschenden Einsicht nicht zu trauen und macht weiterhin „Sparvorschläge", die keine klare Linie zeigen und die durch ihre Sprunghaftigkeit und Unausgewogenheit den sozialen Frieden schwer belasten.

Dieser Bereich, der uns alle betrifft, darf nicht zum Zankapfel parteipolitischer Profilierung dienen. Die soziale Indikation darf bei keiner der Sparmaßnahmen fehlen und schon gar nicht im Bereich der Gesundheitsversorgung. Ob Krankenkassen allerdings die geeigneten Institutionen sein können, eine wirkliche soziale Indikation zu gewährleisten, oder ob das nur die große Solidargemeinschaft aller Bürger kann,  ist die Frage.

Kurios müssen vor diesem Hintergrund die Vorschläge der SPD erscheinen, die maroden Kassen wieder einmal mit der Heraufsetzung der Versicherungspflichtgrenze von 6000 auf 8000 DM kurzfristig zu sanieren, und das um den Preis, relativ gesundheitsbewußte Bürger mit der „Kassenmentalität" zu konfrontieren, die nicht zu mehr Gesundheit, sondern zu mehr Kosten führt.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 11/1996