EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

„Denn immer, wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein." – eine ausgesprochen anwenderfreundliche Sentenz unseres großen Dichterfürsten, die in Zeiten des Sparens arg strapaziert wird. Worte wie „Sparen" oder „Leistungseinschränkung" haben einen negativen Beigeschmack, und so lindert man das Bauchweh, das sie verursachen – nein, nicht durch Inhalte – sondern Benamungen.

Längst haben wir uns daran gewöhnt, daß das Wort „Leistungseinschränkung" durch das Wort „Reform" ersetzt wurde. Und wem nicht plausibel erscheint, warum eine Reform unbedingt zu Leistungseinschränkungen führen muß, für den hat man das Wort „Strukturreform" bereit. Und tatsächlich, wenn man akzeptiert hat, daß die Struktur des Gesundheitswesens reformiert wird, dann sind die Einsparungen, die daraus folgen, ganz logisch.

Eine solche weitere Stufe der Strukturreform ist vor kurzem verabschiedet worden. So hat man für das, was vom Gesetzgeber nicht mehr als verbindliche Leistungen der gesetzlichen Kassen vorgeschrieben wird, wie Kuren, häusliche Pflege und Fahrten zum Arzt, auch so ein wunderbares Wort gefunden. Man nennt sie „Gestaltungsleistungen", und der Minister propagiert als Sparschwein für Gesundheitskosten den alten Slogan der freien Marktwirtschaft, daß es nämlich „künftig einen gewaltigen Wettbewerb unter der Krankenkassen" geben werde.

Diese wiederum, jahrzehntelang verwöhnt durch die Millionen Zwangsmitglieder, die ihnen bisher nicht davonlaufen konnten, sondern mit staatlich sanktionierten Zwangsabzügen den Säckel füllten, scheinen den Wettbewerb über die „Gestaltungsleistungen" eher zu fürchten. Sie kontern: „Es wird keinen Wettbewerb geben." So habe sie sich flugs geeinigt, Kuren und ähnliches weiter zu bezahlen. Da allerdings auch ihnen klar ist, daß ihre Kassen arg strapaziert sind und sie freilich in Zukunft einsparen müssen, haben sie im Zusammenhang mit diesen „Gestaltungsleistungen" wiederum eine Wortneuschöpfung geboren. Galt bisher der Begriff des „medizinisch Notwendigen" als Zauberformel für evtl. Leistungsverweigerungen, so mußte jetzt, da dieses nicht mehr ausreicht, noch einmal eine Veränderung her. Man spricht in diesem Zusammenhang von dem „wirklich medizinisch Notwendigen". Welche Wirklichkeit sich dahinter verbirgt, ist hinlänglich bekannt, nämlich die Wirklichkeit, die wirklich anzusprechen man mit den Wortschöpfungen vermeiden wollte, das ganz einfache und nackte Sparen mit all seinen Einschränkungen.

Man darf gespannt sein, welche Wortschöpfung ins Haus steht für eine Medizin, die nur noch aus Diagnose besteht und bei der man das Geld für die Therapie vollständig einspart. Wir werden auch in Zukunft alle diesbezüglichen Entwicklungen kommentierend begleiten.

Wir möchten uns in dem zu Ende gehenden Jahr 1996 für Ihre Lesertreue bedanken. Redaktion NATURHEILPRAXIS und Verlag wünschen Ihnen eine bei aller Sparsamkeit im Herzen reiche und besinnliche Weihnachtszeit und für das kommende Jahr das, was am meisten spart: Gesundheit. Denn: „nie war sie so kostbar wie heute".

Herzlich Ihr


Naturheilpraxis 11/1996