EDITORIAL

... Lachen trennt ...

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

das waren noch Zeiten, wo Lachen ansteckend war, unwiderstehlich in seiner Ursprünglichkeit, fröhliche Schwingungen sich übertrugen, Sympathien übersprangen, ja sogar Freundschaften durch gemeinsames Lachen entstanden. Die Zeiten, wo Lachen verbindet, gehen zuende. In Zukunft gilt: „Lachen trennt“ – jedenfalls, wenn es nach dem Willen derer geht, die stets schon gute – und jetzt auch schlechte – Zeiten für sich zu nutzen verstanden, die immer nur gute Zeiten kennen, und für die selbst schlechte Zeiten der Wehrlosen höchstens noch bessere Zeiten sind.

Solche Konstellationen sind die Blütezeiten der Geldverleiher und Banken. Niemand hat je daran gezweifelt, daß diese Branche, ganz gleich, was um sie herum passiert, „wachstumsorientiert“ bleibt und eine nie versiegende „Kreativität“ entwickelt, was neue Geschäftsfelder anbelangt, die es abzugrasen gilt.

Die Pleiten häufen sich und die Kreditgeschäfte scheinen in all ihrer möglichen Vielfalt ausgeschöpft zu sein. Aber das scheint eben nur so, denn jetzt haben die Banken einen mächtigen Partner gefunden: den Gesundheitsmarkt.

Alles kann man auf Abzahlung haben -„jetzt kaufen, später bezahlen“-: Autos, Möbel und sogar leicht Verderbliches, das längst dahin ist und sich nur noch durch die monatlichen Raten in Erinnerung bringt.

Jetzt aber kann man auch in Sachen Gesundheit einen Scheck auf die Zukunft ausstellen. Die CC-Bank bietet über Zahnärzte in deren Praxen Kredite für Patienten an, die Zahnersatz benötigen und ihn nicht gleich bezahlen können. Gleichzeitig wird eine „Kau-Sparkasse“ offeriert. Die Idee stammt von der Chemnitzer „Dentagon – Entwicklung neuer Konzepte für den Gesundheitsmarkt.“ Und da bei Krediten immer gleichzeitig die Versicherungen in den Startlöchern stehen, wird auch eine „Zahnersatz-Garantieversicherung mit Wartungsvertrag Prophylaxe“ nachgeschoben. Zahnärzte sollen mit ihren Patienten darüber sprechen und „im Wartezimmer“ den Kreditantrag ausfüllen. Ob diese räumliche Distanz zu den Behandlungsräumen wohl genügt, um die Kollision der Zahnarzttätigkeit als der eines freien Berufs mit dem Gewerbe der Kreditvermittlung und Versicherungsmakelei zu entflechten, bleibt einer gerichtlichen Nachprüfung mit sehr ungewissem Ausgang überlassen. Der Kreditantrag jedenfalls geht sofort per Fax an die Bank, die innerhalb von 30 Minuten die Bonität des Patienten (oder soll man besser sagen: Kunden) bei der Schufa überprüft, und bei positivem Bescheid kann der Bohrer prompt zu surren beginnen.

Der Gedanke ist zunächst ungewöhnlich – andererseits, wann wird man auf der Sparkasse als Kreditnehmer schon mal von einem echten Doktor bedient und noch dazu mit einer solchen uneigennützigen Freundlichkeit? So oft werden Autos abgezahlt, die schon vor Jahren zu Schrott gefahren wurden. Warum soll man nicht Zähne abzahlen, die einem evtl. vor Jahren rausgebrochen sind, das ist eben „der Zahn der Zeit“… Und wer bei der Schufa in der Kreide steht, bekommt weder Kredit noch Zahnersatz, seine Zahnlücken verraten ihn: „Lach mal und ich sage Dir, wer Du bist.“ Lachen verbindet nicht mehr, Lachen trennt. Vorsicht ist bei stets ernsten Menschen geboten. Man weiß nie, wer sozial gesehen dahinter steckt.

Wünschen wir uns für das neue Jahr, daß jeder weiter seine naturheilkundliche Behandlung bekommt, ohne daß erst die Schufa grünes Licht geben muß.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 01/1997