EDITORIAL

... von der „Muse“ geküßt ...

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Kuß ist nicht gleich Kuß. Und als Judas den Garten Gethsemane betrat und Jesus Christus küßte, da war das beileibe kein Zeichen der Liebe, sondern des Verrats. Ganz so fühlt man sich als EU-Angehöriger zuweilen, wenn die „Muse“ Europa einem einen Kuß aufdrückt: verraten und verkauft. Der jüngste Kuß ging einem nicht nur durch Mark und Bein, sondern bis in die Genetik.

Mitte Januar hatte das EU-Parlament einer stark eingeschränkten Kennzeichnungspflicht gentechnisch veränderter Lebensmittel zugestimmt und war damit einem Vorschlag der EU-Kommission gefolgt. Und diese zeigt zuweilen eine bedenkliche Nähe zur Wirtschaft, da wird einem manchmal ganz bange(mann). Eine Deklarierungspflicht soll es nämlich nur für solche Produkte geben, bei denen man die Gen-Manipulationen „lebensmittelchemisch“ nachweisen kann. Und da haben wir das ganze Ausmaß und das ganze Elend einer zutiefst mißverständlichen Wissenschaftsdiskussion vor uns ausgebreitet – ein wissenschaftliches Mißverständnis, mit dem die Naturheilkunde, ganz besonders im Arzneimittelbereich, seit Jahrzehnten zu kämpfen hat.

Man hat wissenschaftlicherseits den Schöpfungsgedanken und seine Sinnhaftigkeit, was das allumfassende Zusammenspiel der Lebensvorgänge anbetrifft, nachhaltig und gründlich verworfen.

Man klont in den Tiefen der Genetik herum, im durch die Evolution herausgebildeten Code unserer Existenzgrundlagen, und als Beweis dafür, ob solche Manipulationen schädlich sind oder nicht, genügt einem der chemische Nachweis einer Veränderung im herausmanipulierten Produkt, als sei die Chemie allein aussagetauglich für letztendliche Veränderungen unserer Lebensgrundlagen. Vielleicht ist es ja sogar ganz sinnvoll, daß eine Tomate irgendwann fault und die Menschheit nicht im Ketchup ersäuft.

Aber die industrielle Stromlinienförmigkeit staatlicher und EU-rechtlicher Maßnahmen rollt wie eine mächtige Lawine über die Bürgerinnen und Bürger hinweg mit trauriger Konsequenz und beängstigender „Folgerichtigkeit“. Auch die Garnierungen solcher Vorgänge mit Ethik-Kommissionen u.ä. können nicht über die wahren Inhalte hinwegzutäuschen.

Die wissenschaftliche Hybris hat sich soweit von der Natur entfernt, daß sie gegenüber allen Vorgängen in der Natur ein tiefes Mißtrauen hegt.

Ganz in diesen Zusammenhang paßt auch der Versuch, die Herstellungsvorschriften für Nosoden aus menschlichem und tierischen Ausgangsmaterial im homöopathischen Arzneibuch so zu verändern, daß dieses Material bei 133oC 20 Minuten lang unter Druck erhitzt werden muß, wobei der Reizsetzungsprozeß und die Information homöopathischer Nosoden so verändert werden dürfte, daß der Sinn dieser biologischen Therapiemaßnahme und damit auch ihr möglicher Erfolg von vornherein in Frage gestellt würden. Hier wird eben auch wieder nur chemisch gedacht und eine Berücksichtigung der Probleme aus der Sicht der homöpathischen Therapierichtung bleibt auf der Strecke, obgleich unser Arzneimittelgesetz eigentlich eine Beurteilungsautonomie für die Besonderen Therapierichtungen vorsieht. Aber der Wissenschaftsdogmatismus, da helfen keine Beschönigungen, ist ungebrochen. Und wenn einen die Muse Europa küßt, sollte man die Zähne zusammenbeißen, damit man nicht an ihrer begehrlichen Zunge erstickt.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 02/1997