EDITORIAL

Globalisierungsfalle???

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Unter dem Stichwort „Globalisierung“ hat seit einiger Zeit ein Begriff in die gesellschaftliche Diskussion Einzug gehalten, unter dem man zunächst einmal die internationale Vernetzung der Wirtschaft versteht. Aus der Entwicklung in Europa haben wir erfahren, daß sich solche Prozesse niemals isoliert nur auf einem Gebiet vollziehen. Heute ist unsere Gesellschaft einerseits von einer Globalisierung von Wirtschaft und Kultur und andererseits einer wachsenden Individualisierung der Menschen geprägt. Zugleich geht die Arbeit aus, denn so zu tun, als gäbe es bei Beibehaltung unserer gegenwärtigen Gesellschaftsform irgendwelche Steuerungsinstrumente, um die Erwerbsarbeit wesentlich zu vermehren und die Arbeitslosigkeit in großem Umfang abzubauen, ist natürlich reine Augenwischerei. Über das bisher Selbstverständliche, die Erwerbsarbeit, kann die Gesellschaft auf die Dauer nicht zusammengehalten werden. Der Konsens dieser Gesellschaft, daß jeder „seine Arbeit“ hat, ist längst dahin. Die Einkommen aus Erwerbsarbeit sind in den letzten zwanzig Jahren nicht gestiegen, die aus Kapitaleinsatz hingegen zu 58%. Eigentlich eine tolle Sache, daß derselbe Reichtum mit soviel weniger Arbeit erzeugt wird, wären da nicht die neuen Verteilungsprobleme.

Es stellt sich die Frage: „Was hält unsere Gesellschaft künftig zusammen? – Welche neuen Werte können die bisherigen ersetzen?“

Die Individualisierung birgt ein starkes Bedürfnis zur Selbstverwirklichung in sich, wie man es bisher aus der Vergangenheit nur bei einzelnen großen und ausgeprägten Persönlichkeiten kannte. Es wird darauf ankommen, das egoistische Motiv der Selbstverwirklichung mit dem Dienst an anderen und der Gesellschaft zu verknüpfen.

Auch heute schon, da nach wie vor die – wenn auch fehlende – Erwerbsarbeit im Mittelpunkt der Betrachtung steht, gibt es bereits solche Verknüpfungen, z.B. das Ehrenamt. An sich verknüpft es das egoistische Ziel der Selbstverwirklichung und Profilierung mit dem Dienst an anderen. Auch sonst kann man eine zunehmende Selbstorganisation individueller Interessen beobachten, in der Selbstverwirklichung mit Dienst an anderen verknüpft wird: Man denke nur an die wachsende Zahl von Selbsthilfegruppen, besonders im Gesundheitswesen. Sind das bereits Vorgriffe auf künftige Strukturen, die die Versagenslücken der offiziellen und systemischen Regelungen schließen? Und wo gibt es so viele objektive und subjektive Versorgungslücken wie in der offizielen Bedarfsdeckung der Gesundheit?

Bei zunehmender Selbsthilfe gerät natürlich die systemische Bevormundung berechtigterweise in die Schußlinie, und bei der Unfähigkeit der Politik, angemessene Lösungen zu finden, könnte man sich mit der Zeit durchaus eine Reform von unten her vorstellen. Wenn man alles Vorhersehbare mehr in die Selbstverantwortung und -hilfe stellte – und vorhersehbar ist, daß man irgendwann stirbt, daß man alt und auch einmal krank wird, daß die Kinder eine Ausbildung brauchen –, dann würde auch der Gestaltungsspielraum entstehen, den Selbsthilfe nun einmal braucht.

Der freie Beruf des Heilpraktikers hat sich stets schon an den Bedürfnissen seiner Hilfe-zur-Selbsthilfe-Suchenden orientiert. Gute Voraussetzungen für kommende Entwicklungen. Freilich werden die Pfründen nicht mehr ganz so gut ausgestattet sein, aber da ist ja noch das wunderbare Motiv der Selbstverwirklichung. Packen wir’s an!

Ihr


Naturheilpraxis 05/1997