EDITORIAL

Medizinisches Freischwimmen ...

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

daß Ärztefunktionäre die Naturheilkunde immer wieder attackieren, nimmt man mit Gelassenheit hin. Um seine Anhänger aber aus jeder Gelassenheit aufzurütteln, muß man sich schon etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin, Johannes Köbberling, bleib seiner internistischen Anhängerschaft bei seiner Festtagsrede zur Eröffnung des Internistenkongresses nichts schuldig.

Er beschwor die Unversöhnlichkeit der Standpunkte zwischen der in der Medizin „mißachteten“ Wissenschaft und der Alternativmedizin, die verantwortlich für das unerträgliche Vordringen der Paramedizin sei. Er geißelte die Gegenüberstellung zwischen „wissenschaftlicher Medizin“ einerseits und „menschlicher Medizin“ andererseits, wie sie von Vertretern der Alternativverfahren „konstruiert“ werde, als Verleumdung.

Natürlich gehören in eine solche Suada neben den bloßen Attacken auch Mutmaßungen über die offensichtlichen Erfolge der Gegner, und so mutmaßte Köbberling, daß die breite Resonanz der Alternativen darauf beruhe, daß man die als unmenschlich empfundene Entwicklung der modernen Medizin ihrer Wissenschaftlichkeit anlaste. Da man diese Tatsache nicht so einfach leugnen kann, ohne vollends den Boden der Realität unter den Füßen zu verlieren, mußte Köbberling spätestens an dieser Stelle zu einer Begriffsschöpfung greifen, nämlich, was er denn eigentlich unter der Wissenschaft verstehe, der die Medizin zu folgen habe. Das Dilemma sei, daß in der Medizin Wissenschaft häufig mit Naturwissenschaft gleichgesetzt werde, während die Medizin doch eigentlich mehr eine Wissenschaft im Sinne Karl Poppers (des von der Queen geadelten „Sir Karls“) sei, deren Kriterien sich an einer ständigen kritischen Überprüfung ihrer Hypothesen orientieren.

Immerhin, das muß einer erst einmal nachmachen, sich da hinzustellen und so zu tun, als folge die Medizin ständig kritisch überprüften Hypothesen und nicht einem betonierten Dogma mit dem entsprechenden Herrschaftsanspruch, nämlich zu entscheiden, was die Wahrheit sei.

Köbberling vergoß reichlich Krokodilstränen über den Verlust der Wissenschaft in der Medizin, die zunächst nur den Boden benetzten, deren Pegel im Verlaufe der Rede aber immer weiter anstieg, bis die Versammlung knöcheltief in diesem Sumpf allgemeiner Klagen stand. Das ist der Moment, wo ein Redner wirkungsvoll über die Fehlentwicklung im Nationalsozialismus sprechen kann, ohne die Dinge allzu genau beim Namen zu nennen. Der Geist der Unwissenschaftlichkeit, so Köbberling, habe dem Nationalsozialismus die Tore geöffnet. Ungesagt blieb, daß vor den Toren, wo’s ab ging, Rampen waren, auf denen manch wissenschaftlicher Torsteher seinen Dienst tat – und das waren nicht unbedingt nur Anhänger der als „neue deutsche Heilkunde“ hoffähig gewordenen „Paramedizin“.

Das Meer der Tränen stieg an. Schon hantierten die Nichtschwimmer ängstlich unter ihrem Stuhl nach einer Schwimmweste. Aber der Festredner beruhigte sie und sagte, daß man im Meer der reinen Wissenschaft nicht untergehen kann, und denen, die heimlich in ihrer Praxis zu einem paramedizinischen Verfahren greifen, spendete er Trost, daß nämlich paramedizinische Verfahren wie eine Religion seien. Und so wurde die Veranstaltung zu einem allgemeinen medizinwissenschaftlichen Freischwimmen. Die vielen, die ihren Freischimmer nicht bestanden hatten, entdeckte man erst, als das Wasser abgelassen wurde. Aber – feierlich war’s.

Herzlich Ihr


Naturheilpraxis 06/1997