EDITORIAL

Der Großangriff ???

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Wer würde diese alte Weisheit, die durch die Mathematik in Jahrtausenden bestätigt wurde, anzweifeln? “Minus mal Minus gleich Plus” gehört zu den unerschütterlichen Wahrheiten dieses Universums. Auch der Wandel der physikalischen Welltbilder mit ihrer Relativität, Vier- und sogar Sechsdimensionalität hat dieser Wahrheit bisher nichts anhaben können - bisher!

Die Gesundheitspolitik mit ihrer bahnbrechenden Listenmedizin hat es geschafft, diese in ihren Grundfesten zu erschüttern, auch wenn sie sie, oberflächlich betrachtet, sogar noch zu bestätigen scheint. Da war zunächst die Negativliste für Arzneimittel, die viele sogenannte - oder besser so ernannte - "unwirksame Arzneimittel" aus der Kassenerstattung ausgrenzen wollte. Daß diese Negativliste negativ ist, steht für Patient und Behandler außer Frage. Wenn diese Liste immer negativer gestaltet und immer mehr Arzneimittel ausgegrenzt werden, so daß dann nur noch ganz wenige erstattungsfähige Arzneimittel übrigbleiben, ist es verwaltungstechnisch einfacher, den erstattungsfähigen Rest in einer "Positivliste" zusammenzufassen. Hier bestätigt sich also zunächst die Weisheit: Multipliziere das Negative mit sich selbst, dann ist es übersichtlicher, den positiven Rest zu benennen (-X-=+).

Verwaltungstechnisch-rechnerisch wurde das naturwissenschaftliche Weltbild auch in dieser mathematischen Formel von der Gesundheitspolitik voll bestätigt. Und da die Gesundheitspolitik ohnehin nur noch rechnerischen Kriterien genügt - von In halten ist schon lange keine Rede mehr -, scheint die Welt somit in bester Ordnung. Eine inhaltliche Diskussion der Listenmedizin hebt diese Rechenformel allerdings gründlich aus den Angeln. Man kann eine Negativliste mit ihren Negativauswirkungen in der gesundheitlichen Versorgung noch so negativ multiplizieren, niemals wird man ein inhaltlich positives Ergebnis herausinterpolieren können, auch nicht dadurch, daß diese Auswirkungen wiederum die Patienten und die Arbeitsplätze in der mittelständischen biologisch-pharmazeutischen Industrie. Alles bleibt doppelt negativ, zumal die der Naturheilkunde befreundete Industrie schließlich mit ihrem Engagement die Vielfalt der Präparate bereithält, die für eine optimale naturheilkundliche Versorgung in freier Praxis unentbehrlich sind.

Der neue Entwurf des Ministeriums für meine erweiterte Negativliste, von deren Ausgrenzung zahlreiche Phytopharmaka und fixe Kombinationen im Verordnungs wert von ca. 350 Millionen DM betroffen wären, vernichtet, so hat der Bundes fachverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH) errechnet, ca. 3000 Arbeitsplätze. Erschwerend kommt hinzu, daß der Umsatz der verschreibungsfreien Präparate in den ersten drei Monaten 1997 ohnehin um 10% zurückgegangen ist, und zwar aufgrund der "Freiwilligen Selbstkontrolle" der Kassenverordner aus Angst vor Regressen wegen überzogenen Arzneimittelbudgets. Wenn es an die Pfründen geht, hat der NormalPatient kaum eine Chance.

Für den mündigen Patienten allerdings mgibt es Alternativen, die sicher desto häufiger genutzt werden, je weiter die Zuzah lung zu Medikamenten steigt. Viele gute Mittel liegen in ihrem Endpreis heute schon unter der Zuzahlungsgrenze.

Fazit: Listenmedizin ist in jedem Falle negativ, ob mit Negativlisten, erweiterten Negativlisten oder so weit erweiterten Negativlisten, daß man sie Positivlisten nennt. Das Wort "positiv" in diesem Zusammenhang erscheint pervers, zumindest aber zynisch.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 08/1997