EDITORIAL

Grauzonenphantasien

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Zwischen den beiden Polen Legalität und Verbot bewegt sich „inoffiziell“ – oder wie man so schön sagt „offiziös“ – eine Grauzone, die nicht geregelt, aber in ihrem munteren Treiben auch nicht ausdrücklich verboten ist. In stillschweigendem gesellschaftlichen Einverständnis gehört sie sozusagen mit zur „Normalität“ auf dieser Welt und genießt mal mehr, mal weniger Sympathie. Grauzonen etablieren sich gern dort, wo Lebensbereiche sich einer vollständigen und letztendlichen rationalen Durchdringung entziehen – und das menschliche Leben ist voll davon. Auch wenn das Dogma der wissenschaftlichen Medizin uns anderes glauben machen will und auf ihrer These einen imponierenden Wirtschaftszweig etabliert hat, gehören dennoch die Bereiche von Krankheit und Gesundheit als lebensidentische Phänomene zumindest in ihrer individuellen Ausprägung teilweise in diesen Bereich, der sich in seinen letzten Winkeln eben nicht allein wissenschaftlich durchdringen läßt.

Das Individuelle und das Schicksalhafte an Krankheit und Gesundheit sind denn auch ein idealer Nährboden, der von Grauzonenaktivitäten mehr oder minder erfolgreich beackert wird. Hier ist nicht nur die für etablierte Berufe förderliche ganz „normale“ Kreativität gefragt, sondern eine geradezu unbegrenzte und verwegene Phantasie, etwas in die Welt zu setzen, das sich als sprudelnde Geldquelle nutzen läßt. Dabei sind der Phantasie lediglich zwei Grenzen gesetzt: Einmal muß man einen möglichen Konflikt mit der legalen Existenz von Gesundheitsberufen vermeiden, und andererseits muß man die ausdrückliche Verbotszone umgehen. Dazwischen aber kann man seiner Phantasie freien Lauf lassen. Und wenn man sich das Spektrum von „Gesundheitsberufen“, die sich die anscheinend nie enden wollende Phantasie erdacht hat, anschaut, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Was sich zwischen der Legalität der selbständigen Ausübung der Heilkunde durch Arzt und Heilpraktiker und der verbotenen Ausübung der Heilkunde alles an phantasievollen Phänomenen im Bereich gesundheitlicher „Hilfestellung“ tummelt, ist das reinste Panoptikum, das unter den vielen beruflichen „-Berater“-Erfindungen sicher in seinen schillerndsten Phantasiegespinsten als „Esoterischer Berater“ und – was immer das sein mag – als „Vitalberater“ freudige Urständ feiert.

Fügen wir uns in Bescheidenheit und fragen nicht, was diese Leute machen wollen. In der Praxis wird man wohl damit nicht viel anfangen können, es sei denn, man geht von der kühnen Vision aus, daß in dieser kranken Gesellschaft eines Tages jeder jeden „behandelt“, und weil das keiner mehr bezahlen kann, vielleicht sogar im Austauschverfahren: Gibst Du mir eine Eso-Dusche, geb ich Dir eine Vital-Dusche.

Aber wenn man damit nicht richtig Geld verdienen kann, warum erfindet man dann solche Grauzonenkreationen überhaupt? Das ist doch sinnlos. Richtig, das gilt für die Existenz als Phantasieberuf, aber nicht für die Ausbildung zu demselben. Bei der Ausbildung wird richtig gutes Geld verdient, und was einer später daraus macht? Ja, das ist bei einem freien „Phantasieberuf in Eigenverantwortung“ in dieselbe gestellt. Und wenn einer nichts oder zuwenig daraus macht, fehlt es ihm eben gewaltig an Grauzonenphantasie. Bei der Anbietung der Ausbildung hat sie wahrlich nicht gefehlt. Grauzonenphantasie ist übrigens kein neuzeitliches Phänomen, das gab es auch schon im Mittelalter, man denke nur an den Ablaßhandel.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 09/1997