EDITORIAL

Dampf oder nur heiße Luft?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

in herrliches Gefühl, immer wieder einmal gewaltig Dampf abzulassen! Und der Rausch der Empörung über von oben verordnete Beschneidungen des Besitzstandes kann Mitglieder von Vereinen oder Verbänden zu verschworenen Gemeinschaften zusammenschmieden, deren Glauben an die einzige Rettung aus vermeintlicher Unbill sich ganz auf den Vorstand fokussiert. Nicht selten wird dieses Phänomen von Vorständen auch instrumentalisiert und genutzt, um die Mitglieder bei der Stange zu halten und sich als Vorstand nicht nur seiner Existenzberechtigung zu versichern, sondern diese bis zur absoluten Unentbehrlichkeit „in so schwierigem Kampf“ zu steigern. Wenn es in der Realität gerade nichts zu erkämpfen gibt, müssen Beschwörungen einer düsteren Zukunft und selbstgezimmerte Katastrophenmeldungen herhalten.

Dieses Instrumentarium wurde in den letzten Jahren auch von einigen Funktionären des Heilpraktikerstandes nicht nur bedient, sondern geradezu überstrapaziert – von wenigen zwar, aber es hat gereicht, um immer wieder Verwirrung zu stiften. Das für Normalmitglieder nicht in allen Einzelheiten durchschaubare und also ungewisse Feld der Entwicklungen in der EU und deren evtl. Einflüsse auf die Heilpraktiker in Deutschland wurde gründlich beackert mit düsteren Prognosen. Man kämpfte so „engagiert“ für die „Anerkennung der Heilpraktiker“, daß man im Schlachtgetümmel ganz vergaß, daß diese in Deutschland längst anerkannt und durch ein Gesetz geregelt sind. Man folgte – nach dem Motto: je minder denkend, desto heftiger wollend – blindlings falschen Propheten für einen „Europäischen Heilpraktiker,“ deren Visionen sich leicht als Lemminge-Modell für uns hätten erweisen können. Und selbst jetzt, nachdem der „Modell-Baum“ auf seinem streitigen und schlingernden Kurs durch die Ausschüsse entlaubt wurde und das EU-Parlament gar die Axt an den Stamm gelegt hatte, besinnen sie sich nicht auf die Schutzbefohlenheit ihrer Mitglieder und tun nichts, um unseren Berufsstand hier zu schützen und zu stärken, sondern rühren weiter in der trüben Brühe einer finsteren Zukunft, die angeblich unweigerlich und unabwendbar aus Europa auf uns zukommt.

Auch beim Erlaß der Homöopathie-Richtlinie 1992 war das Kampfgeschrei groß, und man prognostizierte den Untergang der Homöopathika für die Heilpraktiker – spätestens wenn nach 4 bis 5 Jahren der Bericht über die Durchführung erscheinen werde und Änderungen anstünden. Der Bericht liegt vor (lesen Sie in der Beilage POLITIK Seite 81 ff.), und siehe da, er hat einen ganz anderen Zungenschlag: Die Kommission schlägt die „ausdrückliche Einbeziehung weiterer Darreichungsformen (bisher nur oral und äußerlich) in die Registrierung, nämlich Parenteralia sowie Nasen- und Augentropfen, vor.

Und wie düster waren die Prognosen, daß die Parenteralia nach dem Bericht auch in Deutschland prinzipiell verschreibungspflichtig würden. Seit einiger Zeit ist eine „Guideline“ (Umsetzung in nationales Recht unter Berücksichtigung nationaler Gegebenheiten) da, die die Formulierung, der man damals keinen Bestand voraussagte, wörtlich übernommen hat. Und die Bundesregierung läßt keinen Zweifel daran, daß für Deutschland weiter von der Möglichkeit der Ausnahme als nationaler Tradition und Gegebenheit Gebrauch gemacht wird und eine Änderung überhaupt nicht in Frage kommt, daß also die Risikoabwehr durch Verschreibungspflicht weiterhin – so läßt es auch die Guideline zu – stofflich und nicht über die Darreichungsform definiert wird. – Also: Dampf ablassen ist zwar gesund, aber wenn man die Gründe bedenkt, war’s nur heiße Luft, die sich einige Funktionäre in die Ärmel geblasen haben und uns glauben machen wollten, es handle sich um Muskeln.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 10/1997