EDITORIAL

... Sie werden gebraucht!

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wenn sich ein Jahr dem Ende zuneigt, ist es guter Brauch, dasselbe zumindest noch einmal kurz zu überfliegen und nach herausragenden, evtl. geschichtsträchtigen Ereignissen abzuklopfen. Seit einigen Jahren verabschieden wir uns nun schon von Illusionen und allzu lieb gewordenen Gewohnheiten eines unbegrenzten Wohlstandswachstums. Die anhaltende Massenarbeitslosigkeit, die auch im nächsten Jahr bei steigendem Bruttosozialprodukt noch einmal anwächst, berührt heute – zumindest in der verwandtschaftlichen Peripherie – praktisch schon jede deutsche Familie und hat das Gesamtlebensgefühl unserer Gesellschaft tiefgreifend verändert und verunsichert. Es fällt schwer hinzunehmen, daß es Politiker gibt, die so wenig Realitätssinn besitzen, daß sie eine Halbierung der Arbeitslosigkeit bis zum Jahr 2000 ernsthaft propagieren, statt politische Rahmenbedingungen zu schaffen, die von der Ist-Situation ausgehen und Chancen zur Verbesserung eröffnen. Es kann doch nicht der Weisheit letzter Schluß einer modernen, in ihren Bedingungen miteinander vernetzten Industriegesellschaft sein, daß sich jeder recht und schlecht durchschlägt, und daß wir eine Von-der-Hand-in-den-Mund-Gesellschaft werden, ohne soziale Verantwortung für die eigene und die Zukunft dieser Gesellschaft zu übernehmen oder übernehmen zu können. Globalsteuerung und Undurchschaubarkeit wirtschaftlicher Verflechtungen und Zusammenhänge für den einzelnen müssen diesen entmündigen und fast unfähig machen, sich noch selbst helfen zu können. Um so tragischer, daß Begriffe wie Scheinselbständigkeit, Schwarzarbeit und sozial nicht abgesicherte 610-Mark-Jobs eine so traurige Karriere machen. Es besteht kein Zweifel, daß hierin ein gewaltiger Zündstoff für die Zukunft unserer Gesellschaft liegt. Und die Verantwortlichen müssen eigentlich froh und dankbar sein, daß die vitalen Lebensquellen der Menschen so gut „funktionieren“, daß sie, wenn sie das Nötigste „zusammengerafft“ haben, doch noch mit Zufriedenheit und Freude mit ihren Familien um den abendlichen Tisch sitzen. Und wenn die Politiker immer gern die „Familie als Keimzelle des Staates“ im Munde führen, dann sollten sie von diesen menschlichen Möglichkeiten einer Familie lernen. Wir sitzen alle in einem Boot, anscheinende Platzvorteile können sich als trügerisch erweisen. Kentert das Boot, plumpst auch die 1. Klasse ins Wasser, und die Schwimmwesten müssen mit der bloßen Faust verteidigt werden. Wahrlich kein vorweihnachtlicher Gedanke – und doch ein Thema, an dem sich unsere adventliche Besinnlichkeit festmachen könnte.

In unserem Heilberuf können wir gar nicht sensibel genug sein auch für die unterschwelligen Gefühle und Stimmungen der Menschen, die zu uns finden, und sicher steckt die große Zeitkrankheit der Unsicherheit als Keim in manchen individuellen gesundheitlichen Ungleichgewichten mit drin und will mit Verständnis aufgespürt und empfangen werden. Und da wir Heilpraktiker eigentlich im besten Sinne auch Lückenschließer (nicht -büßer) des medizinischen Systems sind, so ist hier die Lücke des Systems der mangelnde Trost und die ebenfalls fehlende Hoffnung. Von dieser immer wieder zu sprechen und sie zu fördern, ist sicher ein zentraler vorweihnachtlicher Gedanke. Und da die wirtschaftliche Enge auch in vielen Praxen zu spüren ist, können Trost und Hoffnung uns mit dem Patienten gemeinschaftlich verbinden und uns erkennen lassen, daß wirtschaftliche Prosperität nicht das einzige ist, was eine erfolgreiche Naturheilpraxis ausmacht.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen im Namen der Redaktion eine besinnliche Zeit und die seelische Kraft, jeden Morgen immer wieder mit der Hoffnung im Herzen neu zu beginnen. Denken Sie daran: Nie wurden Sie so dringend gebraucht wie in dieser Zeit!

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 12/1997