EDITORIAL

... na dann – auf ein Neues!

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

mit dem Beginn eines Jahres verknüpft man so seine Erwartungen. Allerdings kann man sich schon ungefähr ausmalen, wie der Verlauf im großen und ganzen sein wird, allzusehr hat ihn die Vergangenheit vorgezeichnet. Kontinuierliche Entwicklungen in der Sache lassen sich ohnehin von so „mystischen“ Zeiteinteilungen, wie es die Jahresabschnitte sind, wenig beeinflussen. Seit 200 Jahren hat sich die Homöopathie des Samuel Hahnemann unter dem Engagement seiner Jünger stetig entwickelt. Aber in diesem Jahr droht eine tragische Zäsur, wenn man nicht noch Einhalt gebietet. Alles hat die Homöopathie überstanden, den Spott und die Feindschaft der wissenschaftlichen Medizin, den Druck der chemischen Großpharma, die EU-Richtlinie „Homöopathie“, aber an BSE droht ein wichtiger Teil Homöopathika aus tierischer und menschlicher Herkunft zu scheitern und im Schmelzofen des Autoklaven den Hitzetod zu erleiden.

Um die Übertragung von BSE-Erregern zu verhindern, ist eine Wärmebehandlung von Arzneistoffen tierischer und menschlicher Herkunft bei einer Novellierung des homöopathischen Arzneimittelbuchs (HAB) vorgesehen.

Wenn die Vorschläge der HAB-Kommission umgesetzt werden, müssen alle tierischen und menschlichen Ausgangsstoffe für eine Stunde bei 134°C autoklaviert werden. Damit würde die Homöopathie einer großen Zahl bewährter Arzneimittel beraubt, da mit einer Erhitzung starke Veränderungen der arzneilichen Grundstoffe verbunden sind.

Die Ergebnisse der Arzneimittelprüfungen und die therapeutischen Erfahrungen, die über Jahrhunderte mit Rohsubstanzen gesammelt wurden, lassen sich nicht keineswegs auf hitzebehandelte Stoffe übertragen.

Es ergeben sich also völlig neue und in ihrer homöopathischen Wirksamkeit nicht einschätzbare Ausgangsstoffe. Man muß bezweifeln, daß sich die BSE-Problematik als Argument für eine Novellierung des HAB eignet: Bei jedem infektiösen Ausgangsmaterial muß jeweils eine infektiöse Minimaldosis vorhanden sein. Für die orale Infektion mit BSE bedarf es eines Infektionstiters von mindestens 106 infektiösen Einheiten pro Gramm Gewebe, die z.B. nur im Gehirn, dem Rückenmark oder dem Auge infizierter und kranker Rinder erreicht werden. Bei einer D4-Verdünnung dieser Organpräparate wären schätzungsweise 100 kg Arzneimittel einzunehmen, um eine Infektionsdosis zu erreichen. Also eine 400000fache Überdosis einer homöopathischen Verschreibung (1 Tablette).

Man hat also mit der homöopathischen Herstellungsweise eigentlich das beste Gefahrenabwehrinstrument in der Hand, das man sich überhaupt denken kann. Man könnte die Anwendung von Arzneimitteln mit Infektionsgefahr auf genügend hohe Potenzen beschränken. Bei den niedrigen Potenzen mit einer möglichen Virulenz wird eine Hitzebehandlung des Endproduktes nicht zu umgehen sein. Dieses sollte aber für den Behandler und den Patienten kenntlich gemacht werden.

Noch ist allerdings der schlimmste Fall nicht eingetreten. Homöopathen, Hersteller und Pharmaverbände kämpfen Seite an Seite für eine angemessene Lösung, die nicht gleich ein ganzes Seg-ment einer Therapie abwürgt. Man darf also gespannt sein, was das Jahr bringt. Hoffentlich Positives – oder ob wir vielleicht eines Tages alle autoklaviert werden? – Selbst in kalten Wintertagen kein erwärmender Gedanke.

Na dann – auf ein Neues!

Herzlich Ihr


Naturheilpraxis 01/1998