EDITORIAL

Comeback in 50000 Jahren?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

zu Beginn des kommenden Jahrhunderts soll eine europäische Raumsonde namens „Kéo“ ins All geschickt werden, die mit Kunstobjekten und auf Daten-CDs gespeicherten Informationen über die Heutigen auf diesem Planeten bestückt werden soll. Die Kapazität der Datenträger wird dabei so groß sein, daß für jeden Erdenbürger Platz für vier Schreibmaschinen-Seiten vorhanden wäre. Ebenfalls mit an Bord des Raumfahrzeugs sollen sich Wasser-, Luft- und Ölproben sowie ein Tropfen menschlichen Blutes und konserviertes Erbgut (DNA) befinden.

Die Mission gilt nicht etwa Außerirdischen, die etwas über uns erfahren sollen, sondern vielmehr unseren Nachfahren auf diesem Planeten. Die mit zwei flügelförmigen Solarpaneelen ausgestattete Sonde soll auf eine Bahn geschossen werden, die sie nach 50000 Jahren wieder zurück zur Erde führt. Die Sonde wäre dann praktisch ein „archäologisches“ Objekt, das den künftigen Lebewesen auf der Erde möglicherweise einen Einblick in das Leben unserer Zeit gewähren könnte. Damit unsere Erben in 50000 Jahren die Ankunft von „Kéo“ auf dieser Erde nicht verpassen und so völlig unbemerkt bleibt, soll die Sonde mit einem speziellen Hitzeschild ausgestattet werden, der beim Eintritt in die Erdatmosphäre eine hell-leuchtende Aura erzeugt.

Man kann natürlich nun heftige Spekulationen an dieses Unternehmen knüpfen: Lohnt sich das Ganze überhaupt? Kann man mit den Daten jedes Menschen denn 4 Schreibmaschinenseiten füllen? Und gibt das nicht später ein falsches Bild? Als würde jeder Mensch in unserer Zeit überhaupt als Individuum Beachtung finden, wo doch die Menschen ganzer Länder Asiens und Afrikas lediglich als anonyme Masse von den wohlhabenden Industriestaaten zur Kenntnis genommen werden? Die Wasser-, Luft- und Ölproben sind da noch die ehrlichste Aussage über uns Heutige, wenn auch beschämend ob ihres Verschmutzungsgrades.

Wie soll man sich das Szenario vorstellen, wenn in 50000 Jahren die „Erdatmosphäre eine helleuchtende Aura erzeugt“? Wird es überhaupt noch Menschen geben, oder wird der Sauerstoff schon seit 40000 Jahren verbraucht sein? Werden irgendwelche Gärungs-stoffwechsel-Gebilde auf diesem Stern herumirren? Oder wird sich doch ein einfaches alternatives Leben durchgesetzt haben und die Hirten auf dem Felde deuten den Lichtschein als endgültige Rückkehr des Erlösers? Oder aber erkennen geklonte „Menschen“ in dem Ereignis die Eröffnung des Kriegs der Sterne, wenn sie denn die Sonde mit ihren Raumschiffen nicht schon längst vorher eingefangen hätten?

Sollte man im Museum noch ein altmodisches CD-ROM-Laufwerk finden, um die CDs lesen und deren Inhalt gar verstehen zu können, so bin ich sicher, wird man mit Spannung die 52000 Seiten der 13000 praktizierenden Heilpraktiker verschlingen. In einem Anflug sozialromantischer Schwärmerei wird man deren rührende und behutsame Zuwendung zu den individuellen gesundheitlichen Problemen ihrer Patienten nachempfinden und bedauern, daß es keine Krankheiten mehr gibt, seit sie weggeklont wurden. Man wird erkennen, daß die Unzufriedenheit mit dem täglichen Einerlei und die Langeweile des Lebens daher rührt, daß man ewig nur gesund ist und auch keine Hoffnung besteht, jemals krank zu werden. Wegen der Medizin – da ist man sich sicher – wären die Heilpraktiker nicht ausgestorben. Aber die Klonerei! Ein Trost bleibt: auch die wissenschaftliche Medizin hat sich mangels Krankheit selbst weggeklont.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 02/1998