EDITORIAL

Naturheilkunde-DIN-Norm?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wer sich dem Hobby des Heimwerkerns hingegeben hat, kann ein Lied davon singen: nichts paßt so richtig zusammen, obgleich die im Heimwerkermarkt erstandenen Werkzeuge, Schrauben, Muttern, Bohrer und andere Utensilien eine DIN-Norm besitzen.

Was ist doch dagegen die Naturheilkunde für eine wunderbare Sache. Da kommt es ganz auf die einfühlsame Behandlung einer Persönlichkeit mit ihren individuellen Krankheitsausprägungen an. Da hat eine Norm – und schon gar eine DIN-Norm – nichts zu suchen, außer man ordnet konstitutionell zusammenfassende Erwägungen in gewisser Weise als eine Normierung ein.

Bei den Bemühungen unserer Schwesterpartei, der „Schulmedizin“, um die Gesundheit unserer Republik sieht das mit den Normen schon ganz anders aus. Nicht erst seit dem Medizinproduktegesetz (MPG) haben die Normen, nach denen geheilt wird, kräftig Einzug gehalten. Und seit man staatlicherseits zu der Erkenntnis kommen mußte, daß individuelle Schulmedizin (falls es das gibt) mit individueller diagnostischer und therapeutischer Entscheidungsfreiheit im gesamten zur Verfügung stehenden technischen und medikamentösen Spektrum gleichzeitig eine Entscheidung über die Höhe der entstehenden Kosten, die immer unbezahlbarer werden, ist, versucht man mit mehr Normierung evtl. die Kosten in den Griff zu bekommen. Diese Normierungsschraube ist jetzt noch einmal angezogen worden, denn AOK und VdAK haben für Ärzte und Kliniken eine Art TÜV gefordert. Ähnlich wie beim Auto-TÜV sollen Leistungen der Ärzte nach strengen Kriterien (DIN-Norm) beurteilt werden. Und bei den Beurteilungskriterien geht es nicht nur um das „odnungsgemäße“ Behandeln, sondern um Behandlungsdauer, Rückfallquote, Häufigkeit von Komplikationen, Zufriedenheit der Patienten und Behandlungskosten. Die Kassen könnten Ärzte empfehlen, die nach modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen qualitätsgenormt und -gesichert arbeiten. Das derzeit in Arbeit befindliche Bonussystem würde dann den Gesundheitszustand des Patienten vor und nach der Behandlung einschließen. Den Teilnehmern am überfüllten Gesundheitsmarkt ist es ein Dorn im Auge, daß schlechte Leistungen genauso bezahlt werden wie gute.

Daß eine solche Entwicklung auf längere Zeit ohne Auswirkungen auch auf die freien Arzt- und Heilpraktikerpraxen bliebe, ist schwer vorstellbar. Erfolgsorientiert muß die naturheilkundliche Praxis, um überleben zu können, sowieso schon sein, aber sicher wird man in Zukunft auch in diesem Bereich noch mehr Transparenz und Qualitätssicherung anstreben müssen. Der immer aufgeklärtere und eigenverantwortlicher handelnde Patient wird es dem Berufsstand abverlangen. Den Arbeitsgemeinschaften und Fachgesellschaften wird im Bereich berufsständischer Professionalisierung in einzelnen Therapiebereichen eine immer größere Bedeutung zukommen.

Darf ich mir noch ein persönliches Wort erlauben? Seit 15 Jahren trete ich an dieser Stelle mit Ihnen, verehrte Leserinnen und Leser, in einen Dialog ein. Ich habe diese Möglichkeit keinen Monat versäumt. In 180 Editorials habe ich mich Monat für Monat an Sie gewandt. Ich möchte mich herzlich bei Ihnen bedanken für Ihre Lesertreue. Ich habe mich stets bemüht, wichtige Probleme zu thematisieren – und wie Sie lesen konnten – dabei auch kein Blatt vor den Mund genommen. Für die zahlreiche Anerkennung, die mir von Ihnen widerfuhr, bedanke ich mich. Ich werde mich nicht bessern!

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 03/1998