EDITORIAL

... anno dazumal

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wie hieß es doch so schön in dem Lied, als der Agrarökonom noch Landwirt war und sich ganz schlicht und einfach „Bauer“ nannte:

Im Märzen der Bauer die Rößlein anspannt,
Er hält seine Wiesen und Felder instand.
Er egget und sähet und singet ein Lied,
Und freut sich, wenn alles schön grünet und blüht.

Im Frühjahr ist die Geneigtheit der empfänglichen Seele offener und verwundbarer für solche sozialromantisch rückwärts gerichtete Idylle, und man muß fast ein wenig achtgeben, sich nicht darin zu verlieren. Aus dieser „Gefahr“ kann man schließen, daß uns evtl. etwas verlorengegangen ist von dieser guten alten Zeit, daß wir etwas fast schmerzlich vermissen, wenn wir durch die Felder gehen und Riesentraktoren mit weit ausgefahrenen Spritzgestängen Unkrautvernichtungsmittel flächendekkend auf die Äkker rieseln lassen und der Wind mit seiner Zerstäuberwirkung die Luft mit einem leicht süßlich-giftigen „Duft“ schwängert. Schon deshalb empfiehlt es sich nicht, tief durchzuatmen, sondern die Nase zuzuhalten und schnell aus der giftigen Windschneise zu entkommen. Selten übrigens kann man auch beobachten, daß der Traktorfahrer ein Lied „singet“, die meisten haben heute in ihren Traktoren Radioanlagen mit Stereo-Cassettenteil, und je nach Alter und Geschmack dröhnen in den Traktorkabinen die Hits der Schlagerparade der Volksmusik oder bei den Söhnen, die nach der Arbeit noch zu einigen Runden auf dem väterlichen Acker verpflichtet werden, auch mal Techno.

Und wer freut sich schon noch, wenn „alles schön grünet und blüht“? Wenn man anständig Dünger auf den Acker haut, gegen Unkraut oder auch für mehr Halmstabilität spritzt, dann ist „grünen, blühen und wachsen“ logische Pflicht und eine Selbstverständlichkeit. Und über Selbstverständliches freut man sich nicht, sondern flucht höchstens mal, wenn ein Unwetter mit Hagel und Sturm das Erwartete „plötzlich und völlig unerwartet“ zerstört.

Stiller geht es auf einigen Feldern zu, die nicht ständig maschinell-chemisch behandelt werden. Man hat die Aussaat bereits im Vorfeld präpariert. Gemeint sind die gentechnischen Versuchsfelder. Ob die Stille allerdings etwas von einer Idylle hat, oder ob wir Zauberlehrlinge hier Geister riefen, die wir nicht mehr loswerden, wird sich noch weisen müssen. Als Naturheilkundler sind wir allemal aufgerufen, uns eine besondere Wachheit vor industriell-wirtschaftlicher Bevormundung zu bewahren und unsere Klientel wiederum wachzuhalten durch umfassende Aufklärung. Und eine kleine heiße Träne der Erinnerung an „anno dazumal“ im Knopfloch zu tragen ist nicht ehrenrührig.

Zwischen all den intensiv genutzten Ackerflächen fand ich dieses kleine Büschel der heute eher selteneren Märzenbecher in einem Rasenkissen auf einem Grabenwulst. Ich dachte mir, es würde Ihnen Freude machen, wenn ich sie ablichte und Ihnen an dieser Stelle als kleine Frühlingsboten überreiche.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 04/1998