EDITORIAL

„... fragen Sie Ihr Gewissen“

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

58% der Deutschen befürworten einer Umfrage der DAK zufolge ein Werbeverbot für Alkohol, Tabletten und Zigaretten. Der volkswirtschaftliche Schaden allein durch Alkohol betrage jährlich 30 Milliarden Mark. Da die Kassen sicher ein gut Teil der Kosten für Folgeschäden in Form medikamentöser und apparativer Krankheitsreparatur zu tragen haben, dürfte hier wohl auch in erster Linie das Motiv für die Umfrageinitiative der DAK gelegen haben. Dabei ist das ja, wenn man das „Gesamtzusammenspiel“ wirtschaftlicher Interessen – wie es heute immer so unschön heißt – betrachtet, eine zweischneidige Sache. Die Steuereinnahmen für die „Bruttosozialprodukt-Schädlinge“ dürften etwa gleiche Höhe erreichen, weil der Konsum von Alkohol, Tabletten und Zigaretten nicht gleich das Sozialbudget räubert, sondern sich in der Regel in unübersehbaren Spätschäden ausdrückt. Es gibt ja Leute, deren Gesundheit den gut besteuerten Zigaretten und dem ebenso gut besteuerten Alkohol, je nach Konstitution, über einen gewissen Zeitraum trotzt und die Probleme auf die Zukunft verschiebt. Und Probleme auf die Zukunft zu verschieben ist ausgesprochen gesellschaftskonform und bildet in diesem Bereich wahrhaftig keine unrühmliche Ausnahme.

In dem ganzen Rummel um Alkohol und Zigaretten geht der Tablettenkonsum immer ein wenig unter. Direkte Steuern werden hier nicht erhoben. Das wäre auch nicht imagekonform, denn diese sollen ja keineswegs als Luxusgüter verstanden werden, sondern deren Image wird akribisch gepflegt als Hilfe für den leidenden Menschen. Allabendlich nutzen sie ihren Platzvorteil, in den Fernsehmedien für sich werben zu dürfen, bis zur bitteren Neige. Und an jedem Werbespot hängt der vorgeschriebene Warnhinweis „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“, der als Schnellsprechübung präsentiert wird, weil Zeit Geld kostet und man schließlich für das Mittel möglichst vielfältige Bedürfnisse erwecken möchte, aber evtl. Risiken am liebsten verschweigen würde. Deshalb wird das Sprüchlein nicht nur schnell, sondern zuweilen auch etwas leiser gesprochen, so daß es fast rührend verschämt wirkt.

Aber die Tabletten, besonders Schmerzmittel, und die Werbung dafür gehören zum Alltag unserer Republik. Der Umsatz ist beträchtlich, und da sind wir schon wieder bei den Steuereinnahmen, die auch in diesem Geschäft enorm zu Buche schlagen. Daß 1/3 der zur Transplantation anstehenden Nieren durch Schmerzmittelgebrauch – oder soll man sagen: Mißbrauch – hausgemacht ist, bleibt traurige Tatsache. So mancher wirft eine Tablette ein und erspart der Kasse vielleicht einen Arztbesuch, eine Therapie und verordnete Mittel, aber bei den iatrogenen Schäden kommt’s dann um so dicker, so dick, daß man für einen Dialyseplatz oder gar eine Transplantation auf eine manchmal recht lange und bedenkliche Warte-liste abgeschoben wird. Und wer aus Gründen von unkritischem Schmerzmittelgebrauch eines Tages da drauf steht, hat sozusagen die Zukunft, auf die heute alles so bequem verschoben wird, noch selbst am eigenen Leibe erlebt, da hilft auch unser Mitleid nicht.

In allen Lebensbereichen haben wir modernen Menschen täglich Anschauungsunterricht, was passiert, wenn man alles auf die Zukunft verschiebt, aber wir lernen nicht in diesem Unterricht. Und unser Mitleid ist zu seicht, als daß es eine Katharsis bewirkt, wie eine Reinigungunserer Seelen durch Mitleid.

„Zu Risiken und Nebenwirkungen des Lebens fragen Sie Ihr Gewissen ...“

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 05/1998