EDITORIAL

... endlich Sommer

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

bei schlechtem Wetter kommt einem leicht der Gedanke, in den sonnigen Süden aufzubrechen. Viele erfüllen sich diesen Wunsch, und nicht selten hört man Worte wie: „Ach, am liebsten gar nicht mehr zurück!“ Fühlt man dieser Aussage aber mal genau auf den Zahn und hakt nach, tritt eine nachdenkliche Pause ein, der die zögerliche Aussage folgt: „Obwohl – immer nur Sonne und so ganz ohne den Wechsel der Jahreszeiten möchte man auch nicht leben.“

Wir brauchen den Wechsel und die Kontraste, um uns orientieren zu können. Nach trüben Tagen bemerkt und genießt man einen klaren und hellen Sonnentag um so intensiver. Und so ist der Sommer, der sich aus dem stürmischen Frühling, den Aprilschauern, den Eisheiligen im Mai und der Schafskälte im Juni herausschält, heiß ersehnt. Jetzt endlich kann man ihn genießen. Die Tage sind hell und anhaltend lang. Üppige Blumenwiesen und dichte Kornfelder laden zum Wandern ein, ihre schier unendliche Weite abzuschreiten. Wilde Hecken von Rot- und Weißdorn strukturieren die weit ausgebreiteten Teppiche der Wiesen und Felder. Alles nach innen Gewandte langer trüber Wintertage wird nach außen gestülpt und der Helle ausgesetzt. Es ist eine Jahreszeit, in der es kaum jemanden im Zimmer hält. Alle Tätigkeiten, die überhaupt möglich sind, werden nach draußen verlegt. Das Leben findet vor der Tür und auf der Straße statt.

Der Sommer ist auch die Hauptreisezeit, die heute von einem riesigen Wirtschaftszweig, der Massentourismusbranche, recht uniform gestaltet wird, jedenfalls für den normalen Geldbeutel. Wer sich in fernen Ländern etwas Individuelles leisten will, muß tief in die Tasche greifen. Ein Geheimtip allerdings für einen bezahlbaren Individualurlaub ist das Erwandern der näheren Heimatumgebung. Man glaubt kaum, wie viel es dabei noch Neues zu entdecken gibt, wieviel Staunenswertes, und wie man eingebettet in die Natur seinen Empfindungen nachgehen und träumend die Seele baumeln lassen kann.Dieser Tage kam ich an diesem Mohnblumenfeld vorbei. Das Rot bis zum Horizont hat mich lange festgehalten. Ich wollte es Ihnen nicht vorenthalten. Ich wünsche Ihnen eine schöne Sommerszeit.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 07/1998