EDITORIAL

Umwege oder Umleitung?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wer, wie die Naturheilkunde, nie die Trennung von Seele und Körper vollzogen hat oder – um es akademisch-medizinisch auszudrücken, damit uns nicht gleich jeder auf der Straße versteht – die Trennung von Psyche und Soma, der muß auch nicht die Psychosomatik neu erfinden, und das nach langem und erbittert geführtem wissenschaftlichen Streit, ob denn das eine überhaupt etwas mit dem anderen zu tun hat. Da waren die ganz konsequenten „Somatiker“, die alles außer dem materialistischen Erscheinungsbild unserer Existenz für glatten Spuk hielten, und auf der anderen Seite Vertreter eines Psychismus, die wiederum meinten, die Seele sei das Zentrum alles Wirklichen.

Die Fronten begannen zu bröckeln, und selbst bei eingefleischten Wissenschafts-dogmatikern hat sich die Vermutung breitgemacht, daß Körper und Seele etwas miteinander zu tun haben, vielleicht sogar Verwandte sind, und ganz Wagemutige haben noch nicht vergessen, daß es eine Verwandtschaft 1. Grades ist, nämlich die Verwandtschaft mit sich selbst – höchstpersönlich und unverwechselbar. Und natürlich ist Fausts Ausruf „Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust, die eine will sich von der andern trennen“ nicht nur ein Hilferuf der Psychotherapiebedüftigkeit, sondern man kann davon ausgehen, daß er eines Tages, so er die zwei Seelen in seiner Brust nicht zu vereinen imstande ist, im Wartezimmer des Somatikers landet – für den Naturheilkundler eine Binsenweisheit.

Mag ja sein, daß der Mensch in seinem unendlichen Forscherdrang Umwege macht oder sogar machen muß, weil er bei der Detailerforschung leicht den Überblick verliert, und so ist es ja wohl auch mit diesem Stück Medizingeschichte gewesen, als Psyche und Soma getrennt marschierten. Es mag sogar von Vorteil sein, wenn man mit einer Fülle von Einzelerkenntnissen wieder zusammenfindet und, um es mit Kleist zu denken, hintenherum zurück ins Paradies gelangt. Den Charme der Ursprünglichkeit muß man wohl dabei vermissen, aber die nüchternen Ergebnisse neuerer Zusammenhangsforschung können sich sehen lassen und werfen Alltagsergebnisse ab, die man immer schon wußte, zumindest aber ahnte – nur wußte man nicht im Detail warum.

Schon immer wußte man, daß Kinder möglichst früh mit Gefühlen umzugehen lernen müssen, damit sie für ein verträgliches Zusammenleben mit anderen vorbereitet werden.

Jetzt ergab die 10. Konferenz der Gesellschaft zur Erforschung der Gefühle, daß das Zusammenleben nur mit glatt ablaufenden emotionellen Prozessen funktioniert, daß ohne Zwischenschaltung von Gefühlen unsere Reaktionen reflexhaft wären und in der Regel in sofortige Gewaltanwendung einmündeten. – Nein nicht, bleiben Sie ruhig!

Man stellte forscherischerseits die wichtige Rolle von Spielen wie „Mensch ägere Dich nicht“ heraus, um beim Verlieren mit dem Gefühl des Ärgers umgehen zu lernen, wobei einen wichtigen seelischen Lern-Anteil an diesem Spiel sicher der Tatsache zuzurechnen ist, daß die Familie überhaupt etwas gemeinsam macht. Welchen erzieherischen Wert das Verlieren gegen einen Computer hat, wurde nicht erörtert. Man könnte sich aber vorstellen, daß es bei einem Kind, das ständig gegen die Blackbox verliert, ohne daß die familiäre Betreuung eingreift, zu einer ungebremsten reflexartigen Reaktion kommt und der Sieg einfach mit dem Hammer in die Mattscheibe errungen wird. Das allerdings kann wohl nicht die geeignete Form der Verarbeitung von Gefühlen sein.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 09/1998