EDITORIAL

… hinterher ist man klüger?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

im allgemeinen steht hinter dieser meist hämisch-besserwisserischen Bemerkung ein Ausrufezeichen, und oft wird diese Botschaft wie ein Pfeil auf jemanden abgefeuert, der ohnehin schon auf einem Scherbenhaufen sitzt. Dabei ist es nämlich wirklich die Frage, ob man hinterher klüger ist, oder ob man es nicht schon vorher wissen konnte – ich meine: vor der Wahl. Daß es mit der neuen Regierung mehr Staat geben würde, konnte man vorher wissen, und was in der Gesundheitspolitik auf uns zukommen würde, konnte durch die Initiativen und Vorschläge der vorherigen Oppositionsarbeit auch nicht verborgen geblieben sein: nämlich mehr dirigistische Eingriffe in die mühsam aufrechterhaltene und schon bisher an Krücken daherkommende „freiheitlichere“ Gesundheitspolitik, die mühsam zwar, aber dennoch bemüht einen gewissen individuellen Spielraum offenhalten wollte.

Natürlich ist es richtig, daß Gesundheitspolitk zu einem guten Teil Sozialpolitik ist, besonders für Bezieher kleinerer Einkommen; für ältere und chronisch kranke Patienten ist das auch richtig und sollte selbstverständlich sein. Aber ebenso muß für die Gesundheit als höchstes Gut jedes einzelnen Menschen auch ein individueller Gestaltungsspielraum bleiben, den jeder durch eine ihm genehme und richtig erscheinende Ernährung und Lebensweise zur Gesunderhaltung ausfüllen kann, ebenso wie er zur Behandlung von gesundheitlichen Ungleichgewichten ihm als nützlich und möglichst nebenwirkungsarm erscheinende – oder sogar erfahrene – Therapien und Therapeuten wählen können muß. Je mehr man Gesundheitspolitik als reine Sozialpolitik versteht, desto kleiner wird der Gestaltungsspielraum im gesundheitlichen Bereich für den einzelnen, wobei es ja – auch wissenschaftlicherseits – kein Geheimnis mehr ist, daß Gestaltungsmöglichkeit in Bereichen, die zum persönlichen Raum gehören, wie die Gesundheit, mit zu den wichtigsten Faktoren menschlichen Wohlgefühls gehört und deren Einschränkung und Bevormundung sicher den Keim zu krankmachenden Ursachen enthalten kann. Im Arzneimittelbereich sieht es ähnlich aus: Er soll „neu geordnet“ werden: „Streichung medizinisch fragwürdiger Leistungen und Arzneimittel aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen.“ Das darf man wohl als Ankündigung der Positivliste vertehen, in der viele bewährte Naturheilmittel fehlen werden. Somit stellt sich die Frage nach ihrer wirtschaftlichen Herstellungsmöglichkeit, also nach ihrer Verkehrsfähigkeit. Für einen freien Heilberuf, der sich gerade um die individuellen gesundheitlichen Bedürnisse der Hilfesuchenden bemüht, scheinen die gesundheitspolitischen Zeichen anscheinend nicht gut zu stehen. Vielleicht sollte ein Ruck durch den Berufsstand gehen: jetzt erst recht! Bei diesen gesundheitspolitischen Koordinaten sind wir mehr gefordert als je zuvor.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 11/1998