EDITORIAL

… das war´s dann wieder

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

nachdem nun schon seit Monaten die Schokoladen-Weihnachtsmänner auf Augenhöhe der Kinder in den Regalen herumstehen und nicht nur unsere Kleinen zu Naschkatzen verwandeln, sondern mit ihrem cremig-braunen Surrogat auch uns erwachsene Bürger das letzte Vierteljahr „schönfärben“ wollen, ist es in der Dezemberausgabe einer Monatszeitschrift schließlich die letzte Möglichkeit, sich zum Unvermeidlichen, dem Abschluß des vierten Quartals 1998, zu äußern – jedenfalls bevor es zu Ende geht.

Ein Rückblick mit Abstand würde wahrscheinlich kritischer ausfallen. Doch jetzt kann man vielleicht mit viel Mühe noch eine klebrig-schmierige Verbindung des Jahres zu den Schokoladen-Weihnachtsmännern finden: die meisten sind innen hohl, und das Hohle ist nicht faßbar, nicht begreifbar. Da macht man sich besinnungslos an der Hülle zu schaffen, und wenn sie weg ist, ist alles leer. Das Leere aber hat in unserer materiellen Wohlstandsgesellschaft eine Begriffseinengung durchgemacht. Leer wird als nichts begriffen, als etwas ganz Negatives. Wer sieht schon in der Leere die Möglichkeit der Transzendenz oder gar eines Gestaltungsspielraums? Materialisten wählen denn sicher lieber den Vergleich mit einem Lolli: man lutscht eine Zeitlang, und zum Schluß beißt man sich an dem Holz die Zähne aus.

Natürlich – Sinn und vor allen Dingen Zweck eines Schokoladen-Weihnachtsmannes ist die süße Hülle, und beim Lolli ist es das Drumherum, beide haben überhaupt keinen Sinn, sondern nur einen Zweck.

Und eben da hinkt der Vergleich mit dem Besprechungsgegenstand, dem Jahr 1998 und natürlich auch mit allen anderen Jahren. Das Drumherum, also die Rahmenbedingungen waren in diesem Jahr sicher noch etwas stringenter für einen freien Heilberuf als zuvor. Geldknappheit und Sparmaßnahmen haben auch oder gerade den Sektor der Heilkunde betroffen. Weniger Patienten konnten es sich leisten, eine private Behandlung in Anspruch zu nehmen. Die Erstattungsbedingungen von Privaten Krankenversicherungen und Beihilfe haben sich auch nicht gerade verbessert. Gleichzeitig ist der Berufsstand noch einmal gewachsen. Viele haben die wirtschaftliche Enge zu spüren bekommen. Einziger Trost mag sein, daß es den Menschen geht wie den Leuten.

Und es gibt einen Trost aus dem Innern: die Gewißheit, anderen, die zu einem finden, mit den Möglichkeiten der Naturheilkunde helfen und weiterhelfen zu können. Wenn auch die süße Hülle weg ist und wir auf den hölzernen Stil beißen, müssen wir an dem Widerstand zu wachsen versuchen, manchmal über uns selbst hinaus – und wir müssen uns das auch sagen dürfen.

Der Heilpraktikerstand muß von Überzeugung und Hoffnung nach vorn getragen werden. Die Verbände sollten die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen versuchen. Sie sind die Hülle, der Inhalt ist jeder einzelne mit seiner Hingabe an die tägliche Praxis. Ich wünsche uns allen das Bewußtsein für diesen gemeinsamen Gestaltungsprozeß.

Die NATURHEILPRAXIS möchte dem weiterhin mit fachlichem Rüstzeug dienen und manchmal vielleicht auch mit Beistand für diese Aufgabe.

Redaktion und Verlag bedanken sich bei Ihnen für Ihre Treue und wünschen Ihnen besinnliche Festtage und ein hoffnungsfrohes Jahr 1999, das letzte in diesem Jahrtausend.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 12/1998