EDITORIAL

Sicher ist sicher?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

der Zeitgeist ist ein Begriff, der schon stets für alles Mögliche herhalten mußte. Er wird angerufen, beschworen, verdammt und verantwortlich gemacht. Schon Hölderlin rief aus:

Zu lang schon waltest
über dem Haupt mir,
du in der dunkeln Wolke,
du Gott der Zeit!
Zu wild, zu bang ist’s
ringsum, und es
trümmert und wankt ja,
wohin ich blicke.

– Das Anrufen des Zeitgeistes als Schrei nach Erkenntnis.

Auch Religionen haben sich mit dem jeweiligen Zeitgeist auseinandergesetzt und ihn analysiert, um schließlich und letztendlich auf ihr Glaubensziel als die große Konstante in den Wechselwehen des Zeitgeistes hinzuweisen.

Lange Zeit blieb es Autoritäten von Philosophie und Psychologie vorbehalten, zu interpretieren, was denn der Zeitgeist sei, und was es mit ihm auf sich habe.

Nicht umsonst leben wir heute in einem etwas profaneren Zeitalter der unbegrenzten oder besser: unüberschaubaren Möglichkeiten, dessen Charakterbild gewaltig vor der Geschichte zu schwanken scheint. Und obwohl sich heute so ziemlich alles nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage abspielt und Interpretation dringend gefragt wäre, wird sie kaum schlüssig angeboten, und wenn, dann in unzähligen sich widersprechenden „Botschaften“, wo jeder zur Tröstung seiner momentanen Unbilden wie im Schnellimbiß nach dem passenden Erklärungsmodell greift. Wie soll man also heute einen einheitlichen Zeitgeist ergründen? Ganz einfach, in einem „Zeitalter“ der Statistik ermittelt man ihn natürlich per repräsentativer Umfrage danach, was denn den Menschen das „Wichtigste“ sei. Solche Umfrageergebnisse sind meist nicht überraschend, und man glaubt sie im voraus zu wissen. Die Antwort auf die Frage „Was ist Ihnen das Wichtigste?“ wird in Kriegszeiten selbstverständlich „Frieden“ sein. In Zeiten des Wohlstands stand in unserem Land mit dem höchsten Sparaufkommen und den meisten Versicherungen die „Sicherheit“, daß es so bleibt, ganz oben. Und es verwundert nicht, daß in Zeiten der Arbeitslosigkeit, die nun schon seit Jahren anhält, die Arbeitsplätze und deren Sicherheit der Spitzenreiter sind oder besser: waren. Bei einer kürzlichen Umfrage gibt es unvermutet einen neuen Spitzenreiter: „Geborgenheit“ mit über 60%, wobei „Arbeitsplatz“ und „Sicherheit“ nur zwischen 30 und 40% liegen.

Darf man so weit gehen, einen Zeitgeist herauszuinterpretieren, der durch ein erstes zartes Umdenken geprägt ist, daß nichts im Leben sicher ist, nicht einmal die Sicherheit? Sollte man vielleicht einen ersten Blick ins Angesicht der unbequemen Wahrheit wagen, daß im Leben eigentlich nichts sicher ist außer dem Tod? Leitet man vielleicht daraus den Wunsch ab, die Unwägbarkeiten des Lebens, die man nicht ändern und gegen die man sich letztendlich nicht „versichern“ kann, auf jeden Fall aber in „Geborgenheit“ in einer Familie oder einer anderen menschliche Gemeinschaft zu verbringen? Ein Zeitgeist, der nicht mehr über uns droht, sondern heilsam ist – ein Akt von seelischer Naturheilkunde, den wir schon stets in unsere heilerischen Bemühungen einbeziehen? Ein Hoffnungsstreif?

Herzlich Ihr


Naturheilpraxis 02/1999