EDITORIAL

... Gesundheit für alle?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

an Schlagworten hat’s ja nie gefehlt und auch nicht an Programmen, aber an der Verwirklichung beißt man sich die Zähne aus. Schon das Scheitern vor Augen, erkannte Schillers Wallenstein:

„Kühn war das Wort,
weil es die Tat nicht war …
Eng ist die Welt, und das Gehirn ist weit,
leicht beieinander wohnen die Gedanken,
Doch hart im Raume
stoßen sich die Sachen.“

Andererseits: ohne Visionen geht gar nichts, und die Weltgesundheitsorganisation WHO tut gut daran, sich hohe Ziele zu stecken, um durch unermüdliches Engagement wenigstens Teilerfolge zu erringen. Denn natürlich ist es mit der Gesundheit auf dieser Welt nicht zum besten bestellt. Während die reichen Industrieländer trotz Medizin-High-Tech sich mit ihren Zivilisationskrankheiten dahinschleppen, hat der Rest der Welt ganz andere gesundheitliche Grundprobleme, die mit High-Tech weder zu lösen noch zu bezahlen wären.

Längst ist die Erkenntnis gereift, daß in vielen Ländern, wie z.B. den Entwicklungsländern, die primäre medizinische Grundversorgung der Bevölkerung ohne die traditionellen Praktiker und die Heilpflanzen in keinster Weise gewährleistet werden könnte.

Die WHO fördert aus dieser Einsicht heraus die traditionelle Medizin und versucht diese nach dem Stand der heute gültigen Wissenschaft zu standardisieren und nutzbringend auch für andere zugänglich zu machen. In vielen Ländern, denen der Dritten Welt, aber auch in den Industrieländern, gibt es bereits Zentren zur Erforschung der traditionellen Heilverfahren, vorwiegend der Heilpflanzen. In einem Computersystem „Napralert“ werden seit 1975 alle pharmazeutischen und volkstümlichen Anwendungen von Heilpflanzen gespeichert, die irgendwo auf der Welt bekannt sind. Nicht weniger als 6000 verschiedene wissenschaftliche Journale werden diesbezüglich regelmäßig ausgewertet, das System verfügt gegenwärtig über Informationen von 40000 Organismen in 100000 Zusammensetzungen.

Ein wichtiges Projekt im Rahmen dieser weltweiten Programme ist „Shaman Pharmazeutica – Bewahrung der Heilkräfte des Waldes“, das mit Bewohnern der tropischen Urwälder zusammenarbeitet und zu deren Gunsten Stiftungen unterhält, die Wissen und Ressourcen zur Pflanzenforschung beitragen. „Shaman Pharmazeutica“ baut Gesundheitszentren, Trinkwasseranlagen und reaktiviert traditionelle medizinische Kenntnisse. Die Forscher aus tropischen Ländern können die gut ausgestatteten Labors der Firma nutzen, die auf den neokolonialistischen Akt der Ausbeutung durch etwaige Patentierung von Pflanzen und somit auf den exklusiven Zugang wiederum lediglich der reichen Nationen ausdrücklich verzichtet.

Die WHO, die anläßlich der EXPO 2000 mit dieser zusammenarbeitet, will im nächsten Jahr in Hannover ihre ehrgeizigen Projekte der Öffentlichkeit präsentieren. Der Weltgesundheitsbericht ist nicht zuletzt deshalb seit langer Zeit wieder einmal in deutscher Sprache erschienen.

Und Deutschland kann gewiß sein Scherflein zur Erforschung der Pflanzen beitragen, sind doch z.B. in der Kommission E Phythotherapie über 300 Pflanzen wissenschaftlich aufbereitet und monographiert worden. Bei allen Klagen über Verluste in den letzten Jahren sollte man dieses nicht vergessen. Das eigentliche Problem ist, daß diese heilpflanzenkundlichen Ergebnisse viel zu wenig Anwendung in der Praxis finden. Von der Medizin ist hier außer im Spezialextraktbereich wenig zu erwarten. Die Heilpraktiker sind abermals aufgerufen, Bewahrer der Heilpflanzenkunde durch reichhaltige Anwendung zu sein.

Herzlich Ihr


Naturheilpraxis 03/1999