EDITORIAL

... das machen wir mit Geld!

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

na gut, es gibt die sogenannte „käufliche Liebe“, und wenn schon die „käuflich“ ist, was soll dann nicht für Geld zu haben sein? Anscheinend ist alles käuflich, und alles hat seinen Preis.

Daß man die materiellen Güter für Geld kaufen kann, das war zwar sicher auch einmal ein Kulturschock für die an Tauschhandel gewohnte Menschheit, aber das ist schon so lange her, das bewegt heute wahrlich niemanden mehr, über Wert oder Unwert oder gar über Gut und Böse von Geld zu sinnieren.

Daß man Menschen mit Leib und Seele für Geld kaufen konnte (und kann), davon legte über Jahrtausende der Sklavenhandel in Orient und Okzident – und später weltweit – beredtes Zeugnis ab.

Demokratische Strukturen, die auf die Menschenrechte schwören, wollten Schluß machen mit der Sklaverei und propagierten, daß die Würde des Menschen unantastbar sei. „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ hatte die franzö­sische Revolution auf ihre Fahnen geschrieben, aber es rollten nicht nur die Köpfe von Feudalisten, sondern auch die von Revolutionären, die es aufgrund von ausgeprägten Machtinstinkten kurzfristig nach oben gespült hatte und die dann von anderen, die auch nach oben wollten, unter die Guillotine gebracht wurden. Wenigstens darin herrschte Gleichheit, daß es jeden treffen konnte.

Natürlich hat die Welt humanitärere Züge bekommen, und es ist eine Entwicklung zu verfolgen zu mehr Menschlichkeit, aber die Rückschläge sprechen Bände. Man hat das Geld vergessen, das offensichtlich eine Eigendynamik in sich birgt, mit dem man alles kaufen kann und das vieles käuflich macht, selbst das, was seinen eigentlichen Wert erst dadurch erhält, daß man es verschenkt, also alles, was man so unter den ideellen Dingen des Lebens versteht. Die Erkenntnis, daß Geld in diesen Bereichen menschlicher Tugenden eine korrupte und unrühmliche Rolle spielen kann, ist nicht neu und formuliert sich in der Platitüde aus: „Geld verdirbt den Charakter.“ Aber damit ist es nicht getan, denn dann könnte man es ja einfach abschaffen. Diese Idee gehörte übrigens regelmäßig zum revo­lutionären Gedankengut und war das Produkt einer brüderlichen Aufbruchstimmung der Menschheit. Aber das ­Problem war, daß man in solcher Aufbruchstimmung und Bewegtheit sich den Menschen besser vorstellte oder ­zumindest wünschte, als die „Bestie Mensch“ in Wirklichkeit ist. Und so paßt das Geld als Ausdruck dieses Teils in uns ganz gut in unsere Welt. Ob es letztlich Segen oder Fluch bringt, sollten wir nicht als unabwendbare Schicksalsfrage handeln; es sollte uns stets bewußt sein, daß dies nur an uns selbst liegt. An der Bedeutung des Geldes kann man also gut den Zeitgeist ablesen. Und auch wenn wir heute in sog. demokratischen Strukturen leben, scheint dennoch das Geld mehr im Zentrum unseres Lebens zu stehen, als es die Ideologie dieser Strukturen vermuten ließe.

Auch wenn der Großteil der Bevölkerung heute noch arbeitet, um Geld zu verdienen, gibt es doch schon viele, die das Geld selbst arbeiten lassen. Alle Gedanken drehen sich ums Geld. Jeder jagt ihm nach. Solange es fließt, ist die Frage nach der Sinnhaftigkeit lediglich von feuilletonistischem Wert. Wenn’s knapp wird, merkt man erst, daß man nicht alles kaufen kann. Der Pflegebedürftige im Altenheim kann sich die so dringend benötigte Liebe seiner Pflegekräfte nicht kaufen. Das Geld reicht heute nicht einmal mehr, um die technische Pflege ordentlich auszuführen: Pflegekräftemangel aus Geldmangel. Altenheime als Verwahranstalten? Ende einer Dienstreise, deren Zweck dem Erwerb von Geld galt. Das sollte uns zu denken geben.

Herzlich Ihr


Naturheilpraxis 05/1999