EDITORIAL

... beipackverzettelt?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

will man jemanden, was dessen Ordnung auf dem Schreibtisch betrifft, bei der Ehre packen, dann wirft man ihm „Zettelwirtschaft“ vor, und Zettelwirtschaft ist durchaus nicht nur Ausdruck mangelnder Ordnung auf dem Schreibtisch, sondern auch im Kopf. So mancher, der alle wichtigen Dinge, die er sich merken möchte, auf Zettel schreibt, wird automatisch zum Sammler. Er muß die Zettel über Jahre hinweg aufbewahren und bekommt eine panische Angst, daß ein Zettel verlorengeht, könnte doch eine wichtige Botschaft oder Information für immer und unwiederbringlich verlorengehen. Ganze Berge sammeln sich an, und wird eine Adresse gesucht, dann wird der Zettelberg mit Schweißperlen auf der Stirn durchwühlt, einmal von oben nach unten, dann von unten nach oben und dann wieder von vorn. Mit solcherart Zettelwirtschaft verzettelt man sich regelrecht. Auch wenn es immer mehr werden, man muß sie dennoch alle aufheben wegen evtl. wichtiger Botschaften. So kommt es dazu, daß sich auch die Beipackzettel von Arzneimitteln häufen, die man irgendwann einmal eingenommen oder wegen der Inhalte der Beipackzettel in den Mülleimer geworfen hat. Fachmännisch nennt man dies das „Non-compliance-Problem“, womit man vornehm vertuscht, was es eigentlich ist: die reinste Verschwendung in mehrfacher Milliardenhöhe jährlich. So geht vieles den Weg alles Irdischen, das Arzneimittel samt Verpackung, was aber übrig bleibt, ist der Beipackzettel, und der hat es in sich. Allein die Aufzählung der Krankheiten, die einen bei Einnahme des dazugehörigen Arzneimittels befallen können, ist feinste Medizinliteratur. Wer einen Haufen solcher Beipackzettel gesammelt hat, kann sich glatt den Pschyrembel sparen, was die Sammlung unerwünschter Krankheiten betrifft. Und wer das abendliche Fernsehen genießt, dem wird schließlich noch in schöner Regelmäßigkeit die Lektüre dieser delikaten Zettel empfohlen: „Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage ...!“ Ja, und wer nicht unbedingt den nächsten Gruselfilm im Fernsehen verfolgen will, für den macht ja die Empfehlung wohl Sinn, denn seine Gruselbedürfnisse kann er wahrlich auch mit der Lektüre von Beipackzetteln befriedigen. Man entnimmt ihnen, was man alles erleben könnte, wenn man bestimmte Pillen schluckt: Übelkeit und Erbrechen sind noch das Harmloseste. Wer Schocker liebt, für den halten die Beipackzettel mit ihren Hinweisen zu Nebenwirkungen, Wechselwirkungen, Gegenanzeigen und Warnhinweisen zentralnervöse Störungen, einen Schlaganfall, ein Lungen-ödem oder eine Hirnthrombose bereit. Es sind da wirklich keine Grenzen gesetzt. Deutschland, das Land der Dichter und Denker, präsentiert die längsten, ausgefallensten und spitzfindigsten Beipackzettel, das ist Ausdruck hochentwickelten kulturellen Niveaus – nichts für Analphabeten. Bevor ein Legastheniker die Warnhinweise und Nebenwirkungen auf dem Beipackzettel studiert hat, hat er das Arzneimittel längst wieder ausgebrochen und somit immerhin noch eine evtl. Thrombose vermieden. Liest man heute die Litanei eines Beipackzettels, hat man den Eindruck, daß wirklich gefährdet nur der Einnehmer ist, der das Mittel tatsächlich bei sich behält.

Will man dem Gruselerlebnis der Beipackzettellektüre ganz entgehen, muß man den 2. Teil der Schnellsprechübung bei der Arzneimittelwerbung befolgen: „... und fragen Sie Ihren Arzt ...!“ Da bekommt man nämlich endlich Rat: „Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage ...!“


Naturheilpraxis 06/1999