EDITORIAL

... das Maß ist voll!

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

während man immer noch glaubt, daß das Weltall unendlich ist, muß man doch seit geraumer Zeit zur Kenntnis nehmen, daß dies auf unseren Stern durchaus nicht zutrifft. Und wer sich die Evolutionsgeschichte einmal vor Augen geführt hat, dem kann nicht entgangen sein, daß die Natur stets auf Ausgleich bedacht ist, auf das viel beschworene ökologische Gleichgewicht, das uns heute so leichtfertig von der Zunge geht, wo wir es doch mit unserem „modern way of life“ immer mehr gefährden.

Wenn man es auf den Punkt bringt, so agieren wir erstaunlich leichtfertig für aufgeklärte Menschen an der Schwelle zum 3. Jahrtausend. Auch an Naivität scheint es uns intellektualisierter Spezies Mensch nicht zu fehlen. Wir können wahrlich noch ehrlich überrascht und empört sein, wenn plötzlich Dioxin in unseren Nahrungsmitteln auftaucht. Und wir sind auch einfältig genug, erleichtert zu sein, daß es in Belgien passiert und nicht bei uns, und glauben, daß wir durch Abschotten zum Nachbarn vor den Problemen bewahrt bleiben. Hier zeigt sich eine Steinzeitmentalität. Unsere seelische Entwicklung, der Sitz von Ethik und Verantwortung, ist hinter unserer technisch-intellektuellen Entwicklung gewaltig zurückgeblieben. Es wird so ziemlich alles technisch Machbare auch gemacht, obgleich uns sogar unser Intellekt allein vor den Folgen warnen müßte, denn die Konsequenzen lassen sich auch durch einfaches Summieren errechnen, ohne die Dimensionen von Verantwortung und Moral.

Die Welt produziert inzwischen soviel Abfall und Gift – ja, wo soll das denn hin?! Da kann deponieren, wie und wo man will, irgendwann – früher oder später – taucht es wieder auf. Und wenn alles zuviel wird, läßt sich Gut und Böse auch nicht mehr auseinander und getrennt halten. Die Gefahr steigt ständig, daß mal was Böses ins Gutes gerät, sprich Dioxin ins Tierfutter. Daß menschliche Skrupellosigkeit um kurzen Verdienstes willen solche Gefahren noch befördert, ist allzu bekannt. Allein schon deshalb müßten wir dieser Gefahr den Boden grundsätzlich entziehen.

Allerdings ist es mit dem Beklagen der Zustände nicht getan. Als aufgeklärte und um die Zustände wissende Menschen dürfen wir nicht in die hilflose Rolle des Zauberlehrlings schlüpfen und uns in dem Aufschrei „… die Geister, die ich rief, die werd’ ich nicht mehr los“ verwirklichen.

Es gibt Möglichkeiten zur Umkehr – oder besser: Neuorientierung. Es gibt Technologien zu einer umweltschonenden Energiegewinnung. Die Erforschung der Naturstoffe weiß von Möglichkeiten der Nutzung ohne die vernichtenden Nebenwirkungen. Die Blockaden einer mächtigen Industrie-Lobby müssen überwunden werden. Und das gilt auch für die Medizin. Naturheilkunde darf kein modisches Anhängsel bleiben, sondern muß zum Hauptbestandteil der gesundheitlichen Betreuung werden, so wie es die Heilpraktiker aus ihrer Grundüberzeugung heraus seit jeher praktizieren. Und man kann es nicht oft genug wiederholen: die ganz „normalen“, die sogenannten Alltagserkrankungen sollten einzig und allein mit Naturheilkunde behandelt werden. Es sollte endlich aufhören, daß sich die Entwicklungskosten medizinischen High-Techs in der Alltagspraxis amortisieren müssen. Die Ökobilanzen solchen Vorgehens lassen an Dramatik nichts zu wünschen übrig.

Fazit: Wir müssen unsere seelische Entwicklung in bezug auf Ethik und Verantwortung unserer intellektuellen Machbarkeitsentwicklung anpassen. Statt Machbarkeitswahn ist Respekt und Nachdenken gefragt, statt Reparatur und Flickschusterei Heilung.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 07/1999