EDITORIAL

... Blick ins Jenseits?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

natürlich gehören Gedanken über das Jenseits in den respektvollen und respektierten persönlichen Bereich des Religiösen, und selbstverständlich bleibt dieser Aspekt bei den Erwägungen über Vorstellungen vom Jenseits ausdrücklich unberührt. Unabhängig davon – so dachte man bisher jedenfalls – gab es Berichte von „Zurückgekehrten“ aus dem Jenseits, die, wie sie meinten, nach einem Unfall, einer Operation oder bei einem vor dem Ertrinken Geretteten schon einmal über die Schwelle getreten waren – oder besser: einen Blick durchs Schlüsselloch in die Räume, ihre Atmo-sphäre, Ausstattung und Requisiten geworfen hatten, die uns nach dem Tod umgeben sollen. Von Berichten solcher Zurückgekehrter – und nicht von literarischer und künstlerischer Genialität allein – lebten die Schilderungen großer Literaten und Maler, wie Dantes Hölle oder die höllischen Bilder eines Hie-ronymus Bosch. Menschen mit Nahtoderlebnissen, die glauben einen Blick ins Jenseits erheischt zu haben, berichteten immer wieder von Dämonen, Engeln und Verwandten (im früheren Leben mochten sie beides sein), die einen als Ankommenden freudig und friedvoll in die Arme schließen, sozusagen als Überwindung aller evtl. irdischen Konflikte und der Entladung aller Zellgrenzmembranpotentiale als Zeichen schnöder organistischer Lebenskeime, aus denen stets auch die Saat der Konflikte aufgeht.

Seit den siebziger Jahren gehen Todesforscher davon aus, daß sich Todesnäheerfahrungen unabhängig von Kulturen und Zeiten aus stereotypen Elementen zusammensetzen, also standardisiert seien. Das wäre natürlich eine feine Sache für die strenge Wissenschaft, die alles so gern standardisiert. Eine Studie mit immerhin 2044 Personen hat jetzt gezeigt, daß es beim Rendezvous mit dem Tod keinerlei Standards gibt, sondern daß die „Visionen“ beim Aushauchen des Lebens Produkte des Bewußtseins, des Unterwußtseins, geprägt von Kultur und eigener Biographie sind.

Durch Jahrzehnte unterschiedlicher Weltanschauung in den politischen Systemen sind auch die Nahtoderlebnisse zwischen Ost- und Westdeutschen unterschiedlich. Während es im Westen oft durch gleißendes Licht zu einem religiös geprägten Oben geht, fallen die berichteten Erlebnisse im Osten vergleichsweise trist aus, und wenn Erlebnisse als schön berichtet werden, sind sie doch meist frei von religiöser Symbolik und eher von naturnaher Allegorik geprägt (schöne Blumenwiese, plätschernde Quelle u.ä.).

Für die Forschung kann eine solche Erkenntnis nicht ohne Interpretation bleiben, und sie kommt zu dem naheliegenden Schluß, daß diese Erlebnisse noch keine „nach“ dem Tod waren und auch nichts über ein Leben nach dem Tod aussagen können, womit die Zuständigkeit der Glaubensfrage für diesen Bereich zu Recht unangetastet bleibt. Es ist auch für unseren Kulturkreis schwer vorstellbar, daß man als Normalsterblicher von dort zurückkehrt, jedenfalls nicht nach hier. Schiller sagt es in seinem Gedicht „Das verschleierte Bild zu Sais“: „Kein Sterblicher rückt diesen Schleier, bis ich selbst ihn hebe …“ Der wissensdurstige Knabe konnte dennoch nicht widerstehen: „Ihn riß ein tiefer Gram zum frühen Grabe“ – „Was er allda gesehen und erfahren, hat seine Zunge nie bekannt.“

Er hatte offensichtlich nichts zu berichten, weder von grünen Blumenwiesen noch von gleißendem Licht, aber er hatte auch wirklich hinter den Schleier geschaut und sich nicht nur beim Betrachten des Schleiers „weggeträumt“, was nicht heißt, daß solche „Visionen“ nicht eine therapeutische Potenz und einen tiefen Sinn haben – und wenn auch keine Nachtod-, so doch Nahtoderfahrungen sind.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 08/1999