EDITORIAL

Bedarf und Bedürfnis

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

ein Regierungswechsel stellt für die Sozial- und Gesundheitspolitik immer ein besonderes Problem dar, denn hier geht es um die Ausgaben – in Zeiten knapper Kassen ist das Thema besonders zäh. Nun waren wir im Gesundheitsbereich zuvor aus den gleichen Gründen auch nicht gerade auf Rosen gebettet, und der Minister lief stets mit dem Sparschwein unter dem Arm herum, aber zweifellos hat man sich eher an den Bedürfnissen der Bürger orientiert. Die neue Regierungspartei, seit über hundert Jahren der sozialen Gerechtigkeit verpflichtet, versucht nun die Probleme knappen Geldes ideologisch-dirigistisch zu lösen. Eigentlich erstaunlich, wo doch noch vor nicht langer Zeit Regime, die meinten zu wissen, was das Beste für die Bürger ist, und in der Umsetzung keinerlei Widerspruch duldeten, ihren Offenbarungseid leisten mußten. Man kann es drehen und wenden wie man will, ein Zug Planwirtschaft zieht unverkennbar ins Deutsche Gesundheitswesen ein. Mitsprache der Bürger ist weitgehend nicht gefragt. Interessengruppen, wenn sie andere Vorschläge machen, setzen sich leicht dem Verdacht des schnöden Lobbyismus aus. Dabei könnte der Teil Sachverstand und Erfahrung dieser Gruppen durchaus zum Nachdenken anregen.

Aber so wird es Budgets geben, die sich in ihrer Pauschalität gar nicht an sich entwickelnden Notwendigkeiten in der Praxis orientieren können. Es wird eine Positivliste geben, deren Selektion man sogenannten wissenschaftlichen Fachleuten überläßt, um sich möglichst jedes politischen Eingriffs unverdächtig zu machen und sich ans objektive Ufer zu retten. Aber natürlich ist das alles Augenwischerei, denn dieses Fachgremium ist natürlich „linientreu“ durch strenge wissenschaftliche Ausrichtung, weiß ebenso wie die Politik, was gesundheitlicher Bedarf in der Bundesrepublik zu sein hat, ungeachtet der Bedürfnisse der Bürger. Daß diese millionenfachen Bedürfnisse sich in einer Demokratie eigentlich zu dem realen Bedarf, um den es geht, summieren, bleibt unberücksichtigt.

Das erinnert uns Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker an das Votum des Bundesgesundheitsrates von 1983, als dieser (mit 1 Hp bei ca. 60 Mitgliedern) postulierte: Es gibt in der Bundesrepublik keinen Bedarf für Heilpraktiker, hingegen ein individuelles Bedürfnis in der Bevölkerung. Das sind so Erklärungen – locker vom Hocker –, sanktioniert durch Titel und Grade. Wie wär’s mal mit ein wenig selbstkritischer Einschätzung des eigenen Tuns, wir wollen gar nicht von Selbstbescheidenheit reden, aber es muß auch nicht stets ein solches Maß an Selbstgerechtigkeit sein. Es könnte nicht schaden, wenn man auf die Bedürfnisse der Bürger ein wenig hört. Es gibt unter den Bürgern mehr Vernunft und Engagement, als das gemeinhin so von oben herab gesehen wird. Die Bevormundung des Bürgers im gesundheitlichen Bereich mit der Ausgrenzung ganzer Indikationsgebiete mag ja am ärztlichen Budget sparen, aber die Qualität der Selbstmedikation und vor allen Dingen der behandlergestützten Selbstmedikation spricht eine deutliche Sprache, welche Art der Medizin der Bürger, wenn er denn wählen kann, bevorzugt. Als naturheilkundlicher Behandler kann man viel erreichen, in dem man über die Zusammenhänge aufklärt und als ehrlicher Makler seiner Patientenbedürfnisse handelt.

An der Tatsache, daß die „normalen“ gesundheitlichen Ungleichgewichte allemal effektiver mit der Naturheilkunde behandelt werden, kommt man schließlich nicht vorbei. Eine dirigistische Ausgrenzung geht letztlich auch an ihrem Sparziel vorbei und verschlechtert die Qualität medizinischer Versorgung.


Naturheilpraxis 09/1999