EDITORIAL

„Frauenheilkunde“?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

„in einer bekannten Boulevard-Zeitung“, wie es immer so schön heißt, war vor einiger Zeit in Riesenlettern bis zu einer Entfernung von 50 m vom Kiosk die Überschrift zu lesen: „Frauenaufstand gegen Ärzte“. Näherte man sich dem Kiosk, konnte man die Unterzeile ausmachen: „Warum behandeln sie kranke Männer besser als uns?“ Wenn man so unmittelbar mit einer derartigen Aussage konfrontiert wird, fragt man sich natürlich, was wohl dahintersteckt, wie es zu einer solchen Behauptung kommt, und wie diese wohl begründet wird. Nun kann man in Boulevard-Blättern gemeinhin kaum Begründungen finden, leben sie schließlich in erster Linie von sensationellen Schlagzeilen und später vielleicht von ebenso sensationellen Dementis und Gegendarstellungen.

Als Angehöriger der Heilberufe war man gespannt. Man konnte erfahren, daß diese Schlagzeile bereits eine Reaktion auf eine Schlagzeile von „gestern“ war, in der es hieß: „Ärzte nehmen Frauen weniger ernst“ – ja, das kommt davon, wenn man sich nicht täglich mit dem Volk gemein macht und diese wichtige Informationsquelle anzapft. Die Schlagzeile hatte „eingeschlagen wie eine Bombe“. Hunderte riefen an und bestätigten der Zeitung: „Ja, das kennen wir, genau so ist es!“ Eine Frau wurde zitiert: „Ich wäre fast an einem Herzinfarkt gestorben – mein Hausarzt hat die Schmerzen jahrelang als Verschleiß durch Hausarbeit heruntergespielt.“ Jahrelang saß sie jede Woche mit starken Brustschmerzen im Wartezimmer ihres Arztes, der ihr in feiner Regelmäßigkeit Rheumasalbe aufschrieb. Zufällig ging der Urlaubsvertreter vom Onkel Doktor der Sache auf den Grund: Einweisung ins Krankenhaus – der Herzinfarkt konnte in letzter Sekunde durch einen Stent abgewehrt werden. Dabei bekommen Frauen nicht seltener einen Herzinfarkt als Männer, aber sie sterben etwa doppelt so häufig in den ersten Stunden nach dem Infarkt. Faßt sich ein Mann mal an die Brust, läuft die ganze Palette der Herzdiagnostik ab, und in der Reha ist der Männeranteil ca. 80%.

Die Schulmedizin in ihrem streng wissenschaftlichen und kausal-materiellen Denkansatz ist freilich eine typische Männermedizin, in der das Bild des Mannes, der mit kühler Sachlichkeit und einer guten Portion Robustheit ausgestattet ist, noch fröhliche Urständ feiert. Sensible Körpergefühle, wie sie eher der Frau zu eigen sind (meint man jedenfalls), werden leicht als „Wehleidigkeit“ abgetan. Männer gelten in dieser Medizin als „Helden“. Wenn sie über Schmerzen klagen, muß es wirklich schlimm sein. Sie bekommen sofort jedes Schmerzmittel, bei den Frauen gibt‘s höchstens Beruhigungsmittel.

Die Schulmedizin scheint die sensiblen Körpergefühle, die ja wichtige Wegweiser zu einer erfolgreichen Diagnostik sein können, eher als störend zu empfinden und abzutun als Hypochondrie und Wehleidigkeit. Leicht heißt es da: „Sie haben nichts. Das ist alles nur seelisch.“

Nun ist es ein offenes Geheimnis, daß die Naturheilkunde ihre Wurzeln im Mütterlichen und Weiblichen hat, was nicht heißt, daß sie nicht auch von Männern praktiziert werden könnte, aber eben von Männern, die das mütterliche und mitmenschliche Prinzip des Heilens verstanden und durchdrungen haben, und in dieser Heilkunde sind die Patientinnen sicher besser aufgehoben als beim „Stabsarzt“.

Man kann es gar nicht laut genug in die Welt hinausschreien: Frauen, es gibt eine Heilkunde, die Euch ernst nimmt, die Euch adäquat ist – Frauen, kommt zur Naturheilkunde! Ein Thema für eine evtl. Presse-Öffentlichkeitsaktion der Verbände?

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 11/1999