EDITORIAL

Millenium-Fieber

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

irgendwie fühlt man sich als Editorial-Schreiberling verpflichtet, in einer Dezember-Ausgabe über die besinnliche Weihnachtszeit zu schreiben und in diesem Jahr natürlich – da Sie die nächste NATURHEILPRAXIS erst in der Hand halten werden, wenn das neue Jahrtausend angebrochen ist – über das Millenium-Ereignis.

Die Medien haben das Millenium-­Fieber dermaßen angeheizt, daß die Quecksilbersäule bis zum Anschlag gestiegen und der Puls der Zeit auf 180 ist. Wer was auf sich hält, soll dieses bedeutendste Ereignis unbedingt mindestens in New York oder Hongkong erleben, freilich zum 10fachen als dem üblichen Preis. Angeblich ist seit Jahren alles ausgebucht, was nur einigermaßen zum Jet-set gehört. Es gibt längst nicht so viele Concordes, wie man bräuchte, damit sich die Reichen und Schönen im Vorbeifliegen genau auf die Sekunde um Mitternacht zuprosten könnten. Gleichzeitig wird auch vor dem Ins-neue-Jahrtausend-Fliegen gewarnt, wegen evtl. ausfallender oder datums-irritierter Navigationscomputer. Aber vielleicht ist das ja gerade der Kick, wenn man glaubt in San Franzisko einen kleinen Zwischenstop-Champagner zu nehmen, aber statt dessen auf den Seychellen aufsetzt. Beliebt sind auch Flüge um die Welt, um aufgrund der Zeitverschiebung den „Schauer“ beim Sprung ins neue Jahrtausend gleich mehrfach zu erleben. Ohne als Lustbremse zu gelten, möchte ich doch einmal daran erinnern, daß der Kalender, nach dem das alles abläuft, lediglich eine menschliche Vereinbarung ist.

Wie auch immer – lange kann man dem, was dann unweigerlich kommt, nicht entgehen. Der Alltag holt uns recht schnell ein, und er wird uns nicht weniger als bisher abverlangen. Wir werden sicher immer deutlicher daran erinnert werden, daß wir bisher nicht nur auf Kosten ärmerer Länder dieser Welt gewirtschaftet und gelebt haben, sondern vor allen Dingen auch auf Kosten unserer Kinder. Soviel können wir ihnen gar nicht vererben, daß sie damit unsere Sünden bezahlen könnten. Das neue Jahr wird sich nicht nur dadurch unterscheiden, daß wir im Datum statt zwei Neunen zwei Nullen schreiben, sondern daß es noch größerer Anstengungen bedarf, der Natur, von der wir leben und zu der wir untrennbar gehören, ihr Recht zu lassen.

Das gilt auch für die Medizin, deren technischen und Reparaturcharakter wir mehr und mehr auf den Bereich der lebenserhaltenden und Notfallmaßnahmen zurückdrängen und nicht weiter dergestalt in die medizinische Alltagsversorgung explodieren lassen sollten, daß die Nebenwirkungen eines Tages größer als die Wirkungen sind. Man muß sich ohnehin wundern, was für ein stabiles System wir von der Natur geschenkt bekommen haben, daß wir das alles aushalten.

Wir müssen für unsere gesundheitliche Versorgung mehr mit der Natur synergiehafte Effekte erzielen. Das Engagement für mehr und gute Naturheilkunde, wie sie in Deutschland seit langem von engagierten Heilpraktikerinnen und Heilpraktikern ausgeübt wird, muß ­weiter verstärkt werden. Der Boden für mehr Selbstverantwortung für die eigene Gesundheit muß ökologisch – d.h. naturgemäß und naturheilkundlich – beackert werden, damit eine gesunde Saat aufgeht, die ebenso gesund heranwächst und Früchte trägt, deren Genuß wiederum Gesundheit und positive Lebenskraft erbringen und uns stets den Mut schenken weiterzuleben, ohne beim Gedanken an die Zukunft unserer Kinder in Depression zu verfallen.

Nun habe ich doch über das Millenium-Problem geschrieben, und vielleicht ist ja die besinnliche Vorweihnachtszeit für all diese Gedanken ganz geeignet.

Redaktion und Verlag wünschen Ihnen schöne Feiertage und bedanken sich für Ihre Treue.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 112/1999