Karl F. Liebau: 30 Jahre Chefredakteur der „Naturheilpraxis“

Peter Germann

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Chefredakteur Liebau 1983
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Das dürfte es nicht so oft geben, dass jemand 30 lange Jahre Chefredakteur einer naturmedizinischen Fachzeitschrift ist, die bereits 1947 in einem neuen freiheitlichen Geist gegründet wurde und seither die Entwicklung und die Geschicke der Naturheilkunde und der Heilpraktiker wohlwollend und kritisch – vor allen Dingen aber fachlich – begleitet.

30 Jahre, das heißt in nüchternen Zahlen: 360 Ausgaben, 360 Mal Themen ausdenken, Beiträge von kompetenten Autoren erbitten, kritisch bewerten, redigieren, verantworten. Das heißt nicht selten aber auch, Ablehnungen mit Vorsicht und Einfühlsamkeit an einen Autor heranzutragen, dass „dessen Seele keinen Schaden nimmt“. Und nicht zuletzt heißt das: 360 Editorials geschrieben zu haben, von denen er keines in diesen 30 Jahren ausgelassen hat. Ich weiß, dass es eine „Fan-Gemeinde“ für diese „Edis“, wie er sie selbst nennt, gibt.
Ich weiß, wie er einmal erzählte, dass er nach etwa zwei bis drei Jahren eine „Stoffkrise“ hatte und überlegte, die Edis gegen ein schönes Foto auszutauschen. Just da las er etwas über eine der ältesten Tontafeln dieser Welt aus Babylonien – über 5000 Jahre alt – und das sei die Klage eines Dichters gewesen, dass er nicht mehr wüsste, was er schreiben sollte, weil alles auf der Welt bereits beschrieben wurde. Seitdem, so erzählt er, hätte er keinen Stoffmangel mehr und freue sich jeden Monat, ein besonderes Thema vorzustellen, zu „durchdringen“, auch einmal vom Sockel zu holen und in die Welt der Allgemeinverständlichkeit zu übersetzen oder in unsere Lebenszusammenhänge zu stellen. Seine Texte sind augenzwinkernd, manchmal von feiner Ironie, und man findet kuriose „Wortneubildungen“ – und immer findet er die Kurve zur Naturheilkunde zurück.

Auch ich darf seit fast 30 Jahren für die Naturheilpraxis schreiben, eine der besten Fachzeitschriften auf dem deutschen Markt.

Liebau war 30 Jahre praktizierender Heilpraktiker, ein Jahrzehnt in Berlin und dann in Bad Kissingen; und er schätzt nichts höher als den guten Praktiker mit einem Höchstmaß personotroper und patientenzugewandter Naturheilkunde. Er kam einmal nach einem meiner Vorträge auf Kloster Andechs zu mir und sagte: „Weißt Du, das Wort Polypragmasie hat zu Unrecht eine negative Sinneinengung erfahren, und man verwendet es zu Unrecht abwertend gegen jemanden, der nicht nach den Regeln der ,evidence based medicine’ vorgeht. Du bist im besten Sinne des Wortes ein ,kreativer Polypragmatiker’, und Deine Patienten werden es Dir sicher danken. Eine personotrope Medizin schreit geradezu nach individueller und nichtgleichgeschalteter Vorgehensweise.“
Mir scheint, unser Kollege Liebau ist ein ganz engagierter Kenner unserer Heilkunde mit all ihren Hintergründen, Denkmodellen, Arbeitshypothesen mit einer ganz engen Verbindung zur Praxis. Deshalb ist es mir eine Ehre, mich an dieser Stelle zu seinem „Jubiläum“ äußern zu können. Wer also ist dieser Heilpraktiker Karl F. Liebau? Wo kommt er her?
Jahrgang 1938; ursprünglich Studium der Literatur- und Theaterwissenschaften in Göttingen und Berlin. Besuch des Max-Reinhardt-Seminars der Kunstakademie Berlin in den Fächern Regie und Schauspiel. Ab 1962 ein gutes Jahrzehnt künstlerische Tätigkeit bei Bühne, Funk und Fernsehen u.a. in Frankfurt, Zürich, Wien und Berlin. Er kommt durch ein persönliches Erlebnis 1972 zur Naturheilkunde. Es folgt neben der künstlerischen Tätigkeit eine Ausbildung zum Heilpraktiker mit einer Assistenz bei einem Berliner Heilpraktiker, einem Klassenkameraden übrigens unseres berühmten Kollegen Josef Karl von der Münchner Heilpraktikerschule. Liebau eröffnet 1975 eine Praxis in Berlin, die recht bald einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt. Ab 1977 engagiert er sich im Berliner Landesverband des Fachverband DH und wird dessen Vorsitzender. Es beginnt eine wirksame Öffentlichkeitsarbeit; es werden Arbeitskreise gegründet, Kongresse veranstaltet. Er geht 1980 in den Bundesvorstand und wird 1983 zum Präsidenten des Bundesverbandes gewählt. In diese Zeit fällt die Gründung der „Kooperation Deutscher Heilpraktikerverbände“, deren Sprecher er während seiner gesamten Amtszeit war. Die Kooperation etablierte die jährlichen Heilpraktikertage in Düsseldorf, die eine starke Ausstrahlung in die politische Öffentlichkeit hatten. Es wurden regelmäßig „Parlamentarische Abende“ veranstaltet, um über eine gute Verbindung zur Politik wichtige Wünsche, die der Berufsstand hatte, zu fördern und möglichst zu erfüllen. Er hat in den 1980er- und 90er Jahren zahlreiche Fernsehstreitgespräche mit der „hohen Schule“ der Schulmedizin geführt, die damals noch ihre Vorurteile gegen die Naturheilkunde mit Vehemenz vertrat. Liebau hatte in den 80ern auch eine eigene 14-tägliche Gesundheitssendung „Wie geht‘s?“ bei RTL, die über fast zwei Jahre lief. So hatte er sich einen Namen gemacht und konnte eine wirkungsvolle Berufspolitik für die Heilpraktiker vertreten.

Er war langjähriges Mitglied im Bundesgesundheitsrat, Mitglied der Arzneimittelkommission der HP, vertrat die Interessen der Heilpraktiker in mehreren Kommissionen des damaligen Bundesgesundheitsamtes, des heutigen BfArm, z.B. in der Deutschen Arzneibuchkommssion, der Zulassungskommission für Traditionelle Arzneimittel nach § 109a, und er saß oder besser sitzt seit fast zwei Jahrzehnten als Sachverständiger im Ausschuss für Verschreibungspflicht, wenn auch nur mit einer Stimme von 15. Dennoch gelang es ihm, dass die Lokalanästhetika nicht komplett unter die ärztliche Verschreibungspflicht gestellt wurden, sondern, wenn auch in einer sehr abgespeckten Form – Procain und Lidocain intracutan – den Heilpraktikern erhalten blieben. Auch das sogenannte „Notfall-Paket“ für Heilpraktiker geht auf eine Initiative Liebaus zurück.

Nicht vergessen sollte man, dass die heutige flächendeckende Überprüfungspraxis in den Ländern eine Umsetzung der Vorschläge der Leitlinienkommission des Bundes und der Länder ist, in der er freilich auch saß. Zuvor hatte er an der Überprüfungsrichtlinie in NRW mitgearbeitet und wichtige Überprüfungsinhalte angeregt, nämlich „Injektions- und Punktionstechniken“ sowie „Erkennung und Erstbehandlung von Notfällen und lebensbedrohlichen Umständen bis zum Eintreffen des Notarztes“. Damit sollten die damals noch heftig umstrittenen Injektionen durch Heilpraktiker Stablität erfahren. Die Leitlinienempfehlungen der Bund-Länderkommission übernahmen dann diese Inhalte, die in den folgenden Jahren bis 1995 flächendeckend durch Ländererlasse in geltendes Recht umgesetzt wurden.

Liebau ist Fachbuchautor und hat an zahlreichen populärwissenschaftlichen Werken zur Naturheilkunde mitgewirkt. Er hat viele Artikel geschrieben, Vorträge gehalten und bei ebenso vielen Podiumsdiskussionen aktiv mitdiskutiert.

Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass ihm als einem der wenigen alle drei großen Medaillen, die der Berufsstand zu vergeben hat, von den unterschiedlichen Verbänden, die ja doch ansonsten im „Wettstreit“ liegen, verliehen wurden. Er war eigentlich immer ein wenig mehr gesamtberufsständisch als nur verbandlich orientiert, wie ja auch „seine“ Fachzeitschrift.

Er bekam die Hahnemannmedaille, die so illustre Träger wir Julius Hackethal hatte, die Prießnitzmedaille seines Fachverbands, und schließlich konnte ich ihn auch zur Verleihung der Bönninghausen- Medaille des Bundes Deutscher Heilpraktiker, die unter anderen auch der Leibarzt des Dalai Lama verliehen bekommen hat, 2010 laudieren. Wenn einer etwas mit den Heilpraktikern zu tun hat, dann ist es Karl F. Liebau.

Und nun kommt der Grund für diese Würdigung: 30 Jahre Chefredakteur der Fachzeitschrift Naturheilpraxis. Wenn man subsummiert, was er ansonsten noch alles bewegt hat, ist die Bewältigung aller dieser Aufgaben nur zu erklären aus seiner Natur – naturheilkundlich: aus seiner Konstitution – mit einer „robusten“ Gesundheit, die aber eben nicht aus einer allgemeinen Robustheit zu erklären ist, sondern aus einer mit Sensibilität und Engagement ausgestatteten positiven Grundausstattung, die stets Kraft zieht aus der Erkenntnis über die Genialität unserer Schöpfung.

Er hat sich immer wieder auch auf Angerer berufen, der gesagt hat: „Wer die Natur zutiefst liebt, kann niemals in eine abgrundtiefe Depression verfallen.“ Seine positive Grundstimmung mit seiner künstlerischen Vehemenz muss ihm wohl die Kraft verliehen haben, die Vielfältigkeit seiner Aufgaben quasi „spielerisch“ und mit großer Lust zu erledigen. Er hat stets betont, dass es ihm Spaß mache, für andere zu sprechen und einem Verband als Präsident vorzustehen. Er habe sein Verhältnis zur Macht für sich geklärt. Er war denn auch nach langen Jahren der erste Präsident seines Verbandes, der nicht „zurückgetreten“ wurde, sondern von sich aus zurücktrat, als er eine bestimmte berufspolitische Linie, die evtl. eine Gefahr für das geltende HPG bedeutet hätte, nicht mitverantworten wollte.

Seine Waffen für viele politische Erfolge waren ja gerade seine geistige Klarheit, sein Charisma und seine spielerische und doch zwingende Eloquenz, mit der er auch in Fernsehtalks und -streitgesprächen seine „hochgerüsteten“ und mit Angriffslust ausgestatteten „Gegner“, die die Naturheilkunde als Spuk und Scharlatanerie brandmarkten, entwaffnete und entzauberte.

Seit 30 Jahren betreut er die Fachzeitschrift „Naturheilpraxis“ als Chefredakteur, die er mit seiner Frau zusammen im „Kuhstall“ seines Bauernhofes in der Rhön „produziert“. Ich habe das alles mehrfach in Augenschein nehmen können. Seine Frau ist auch schon über 30 Jahre beim Pflaum Verlag – zunächst für andere Objekte tätig – und stieß 1986 zur Naturheilpraxis. Ohne seine Frau als studierter und professioneller Redakteurin dürfte die Fachzeitschrift sich wohl nicht in so erfolgreicher und beliebter Form präsentieren.

Wenn die Liebaus von ihrer Arbeit sprechen, wie sie die Zeitschrift monatlich an den Computersystemen zusammenbasteln und bis zu der Endform, inklusive Bildern und Layout vorantreiben, wie sie der Leser dann in der Hand hält, spürt man ihre Begeisterung für ihre Arbeit. Ich erinnere mich noch gut an die „Goldene Jubiläumsausgabe“ zum 50. im Jahre 1997 mit über 250 Seiten. Liebau war tief ins Archiv gestiegen und konnte einen Abriss von Artikeln bekannter Autoren in Erinnerung rufen. Nicht selten konnte man von ihm hören: „Das Archiv der Naturheilpraxis ist sicher nicht nur eines der umfangreichsten Naturheilkundewerke, sondern auch eines der interessantesten.“

Er lebt seit 30 Jahren mit seiner Zeitschrift und für seine Zeitschrift und hat mit der Zeit eine Struktur herausgeprägt, die Anerkennung findet. Er sagt immer: „Wir machen die Naturheilpraxis nach dem „teuflisch“ guten Rezept von Goethes Mephisto: ,Wer vieles bringt, wird manchen etwas bringen’.“

Und ich möchte zusammenfassend ganz bewusst mit den Worten aus meiner Laudatio zur Verleihung der Bönninghausen- Medaille 2010 schließen: Karl Friedrich Liebau ist aus dem Berufsstand des Heilpraktikers in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts und in den ersten zehn (inzwischen 13) Jahren des neuen Jahrtausends nicht wegzudenken. Auf allen Ebenen hat er, und er tut es auch immer noch, in sämtlichen Bereichen unseres Berufsstandes federführend und regelnd mitgearbeitet – dies teilweise in Eigeninitiative und nicht selten gegen die Anfeindungen sogar aus den eigenen Reihen.

Danke für alles,
lieber Karl F. Liebau!

Peter Germann
Gesundheitshaus Viriditas/ Phytaro Heilpflanzenschule
Im Karrenberg 56
44329 Dortmund