EKG-gesteuertes Biofeedback
Jochen Schleimer
Es war Jahrtausende Ziel spiritueller Traditionen, Einfluss auf unbewusst ablaufende körperliche Vorgänge zu nehmen, um dadurch in außergewöhnliche seelische Zustände zu gelangen. Obwohl die Zustände ähnlich waren, wurden (und werden) sie von der jeweiligen religiösen Orthodoxie unterschiedlich interpretiert. Die meisten dieser Zustände gehen mit medizinisch erwünschten Veränderungen im Körper einher ein Grund, warum sich die moderne Wissenschaft der Manipulation solcher Zustände angenommen hat.
Das Regulationssystem, das sich am einfachsten medizinisch nutzen lässt, ist der Zusammenhang zwischen Atem und Herzschlag.
Die Herzfrequenz ist weitgehend autonom und einer bewussten Kontrolle durch den Intellekt kaum zugänglich. Das Bindeglied stellt dabei die Atmung dar, die die meiste Zeit ohne unsere Kontrolle situationsgerecht abläuft, jedoch bewusst beschleunigt oder verlangsamt werden kann.
Eine der einfachsten Meditationstechniken der nordindischen Sikhs beruht auf dem simplen Grundsatz, dass jeder physiologische Vorgang, den man beobachtet, eine Tendenz zeigt, sich zu normalisieren.
Bei dieser Technik wird der Radialispuls der rechten Hand mit der linken Hand gefühlt und die Pulsschläge jeweils bis 20 gezählt. Nach kurzer Zeit verlangsamt sich die Pulsfrequenz, und ein Ruhegefühl stellt sich ein.
Noch tiefgreifender sind die Wirkungen, wenn der Atem einbezogen wird. Eine im Grunde sehr einfache Methode ist, einen Wattebausch ca. 30 bis 40 cm vom Gesicht entfernt an einem Bindfaden aufzuhängen und darauf zu achten, dass der Wattebausch sich weder bei der Einatmung noch bei der Ausatmung bewegt. Auch diese Methode wurde schon vor ca. 3000 Jahren in Indien entwickelt.
Eines der modernsten Verfahren (und gleichzeitig eines der kostengünstigsten Programme ist das von Heartmath® (im Deutschen unter dem Namen Herzintelligenz bekannt).
Hierbei wird die rhythmische Schwankung der Herzfrequenz aufgezeichnet. Ideal ist eine sinusförmige Schwingung; man spricht dann von einer hohen Kohärenz. Die fortgeschriebene Spur befindet sich stetig ansteigend zwischen den zwei Leitlinien. Alles ist im „grünen Bereich“, d.h. die vegetative Belastbarkeit ist optimal. Befindet sich die Anzeige im blauen Bereich, heißt das, dass die vegetative Belastbarkeit schwächer ist.
Es herrscht ein gewisses Maß an Inkohärenz zwischen Atem und Herzfrequenz. Der rote Bereich ist kritisch und zeigt Behandlungsbedürftigkeit an.
Bei allen funktionellen Herzbeschwerden und Erregungszuständen schreibt man eine Leermessung, auch um dem Patienten zu zeigen, wie es wirklich um ihn steht.
(Stress und Entspannung)
Dann geht man zum Programm „Coherence Coach“ über. Man lernt durch Anpassung des Atems an eine Sinuskurve ruhig und rhythmisch zu atmen. Fast immer normalisiert sich dann auch die Kohärenz.
Als Letztes trainiert man unter Stress. Dazu stehen drei Spiele zur Verfügung. Am besten beginnt man mit dem vor allem bei Frauen beliebten „Garden Game“, das zudem den Vorteil aufweist, nur wenig Zeit in Anspruch zu nehmen.
Ziel ist, es einen völlig vertrockneten Garten („Sahel Zone“) durch entspanntes Atmen in ein Paradies zu verwandeln.
Das längere „Balloon Game“ (Rund um die Welt in einem Heißluftballon) trainiert entspannte Ausdauer bzw. ausdauernde Entspannung; es dauert länger und zeigt, ob die Entspannung auch über längere Zeit und unter emotionaler Belastung (Flug durch eine Gewitterfront) aufrecht erhalten werden kann.
Es gibt noch ein Spiel, bei dem ein Topf schnellstmöglich mit Goldmünzen gefüllt werden muss. Ich mag es nicht; mir war Donald Duck stets lieber als Onkel Dagobert.
Die Erfolge, die sich mit dieser einfachen Anwendung erzielen lassen, sind erstaunlich.
Jede Maßnahme, die die Heart-Rate-Variability erhöht oder die Kohärenz („grüner Bereich“) verbessert, ist für den Probanden (und nur für ihn) gesund, was das Gegenteil bewirkt (unabhängig von traditioneller und offizieller Meinung) ist schädlich ausnahmslos.
Damit lassen sich z.B. die Auswirkungen von Yoga-Atemübungen (Pranayama) vorhersagen und damit in ein Gesunderhaltungsprogramm einbauen oder vermeiden.
(Kapalabhati)
Der „Feueratem“ ist das Filetstück fast jeden Yoga-Systems; ihm wird im Ablauf einer Übungseinheit neben Anuloma-Viloma auch die meiste Zeit gewährt. Aber ist er auch so gesund?
Die Messungen lassen dieses Pranayama in einem kritischen Licht stehen. Woran liegt es, dass Yogaübende nicht langlebiger sind als z.B. Praktizierende des BAGUA- CHAN. Jeder hat von Babaji gehört angeblich gute 250 Jahre alt. Keiner hat ihn gesehen, und seine Anhänger (Shivananda Yoga) werden kaum 80.
(Pranayama auf „OM“)
Der Sinnesverschluss von Augen und Ohren, die Konzentration auf Ajna-Chakra und das tiefe Intonieren von „OM“ zeigen die besten Testergebnisse. In den meisten Yoga-Systemen wird dieser Übung jedoch nur wenig Zeit eingeräumt.
(Misogi-Atmung (Shinto))
Bei der Misogi-Atmung handelt es sich um eine aus dem Shintoismus stammende Technik, die in manchen Aikido-Dojos gelehrt wird. Ziel ist dabei Härte, Stärke und Ausdauer. Gesundheit ist eher nachrangig.
Es lässt sich zuverlässig feststellen, welche Mantras, Gebete, Gedanken, Musikstücke oder hypnotische Suggestionen wirksam und heilsam sind.
Die Anwendung von „Lügendetektoren“ steht in üblem Geruch. Stattdessen wird eine Fülle von fragwürdigen Tests (einschließlich Graphologie und Astrologie) eingesetzt, um Ergebnisse zu erhalten, die sich mit einem Polygraphen schneller und zuverlässiger erheben lassen würden.
Wie der Name sagt, zeichnet der Polygraph verschiedene Körperfunktionen (z.B. Pulsfrequenz, Atemfrequenz, Hautwiderstand) auf, die bei Stress (und Lügen ist Stress pur) verändert sein können.
Gleiches leistet auch eine fortlaufende Aufzeichnung der HRV. Die Lüge zeigt sich dann oft als Änderung der Kohärenz.
(Lüge und Wahrheit)
In diesem Versuch wurde nur eine wahre oder unwahre Äußerung getan: außerhalb eines entsprechenden sozialen Kontexts (keine Verhörsituation, keine Furcht vor Schmerz und/oder Strafe) aber auch ohne die oft unterschätzten Einflüsse, wie Schadenfreude oder das Desdemona-Syndrom (Empörung, dass eine Lüge unterstellt wird).
Der jeweilige Wert von Nahrungsmitteln ist eher das Ergebnis pseudoreligiöser Überzeugungen als echten Wissens, und auch die individuelle Wirksamkeit und die Verträglichkeit von Medikamenten stimmen meist nicht mit den Werbeaussagen oder den Abgaben in Beipackzetteln überein.
Mit Hilfe der HRV lassen sich alle oben angesprochenen Probleme (einschließlich der Identifikation individueller energetischer Toxine) im Vorfeld lösen (darüber wurde in einem früheren Artikel berichtet).
Die Anwendungsmöglichkeiten allein des EKG-gesteuerten Biofeedbacks sind nahezu unerschöpflich, und es handelt sich dabei nur um eine, wenn auch wichtige Anwendung aus einem Riesenspektrum an Möglichkeiten.
Anschrift des Verfassers:
Dr. med. Jochen Schleimer
Waltramstr. 3
81547 München
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Naturheilpraxis 8/2012